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Cäsar


© Vera Maria Lafrenz

 

Es war einmal ein kluger kleiner Kerl, ein hübscher Graupapagei namens Cäsar, der schon viele Jahre freundschaftlich und harmonisch mit Opa Franzen zusammenlebte.
Die beiden liebten sich über alle Massen, nachdem jeder den anderen ohne viele Worte verstand. Jede Geste, jede Handbewegung von Opa waren Cäsar geläufig und der Gefiederte konnte die hübschesten Kunststücke vorführen und sogar sprechen.
Für den grauen kleinen Kerl war Opa Franzen das entscheidende Herzstück seines Daseins und Cäsar hatte die tiefgründige Absicht, immer mit seinem Herrchen zusammen zu bleiben.

Der alte Herr hatte sich mit Cäsar viel Mühe gegeben und durch intensive Schulung, sehr vielen Streicheleinheiten und Leckereien seinen Papagei zu einem sehr gelehrigen, klugen und witzigen Vogel gemacht. Beide waren glücklich, ein Herz und eine Seele, und dies sollte auch noch lange Zeit so bleiben.

Dies dachte wenigstens Cäsar, der nicht ahnen konnte, dass es Opa Franzen oft gesundheitlich nicht mehr gut ging und es eines Tages so weit war, dass Opa seine Tochter um Hilfe bitten musste. Der alte Herr konnte nicht mehr alleine in seiner Wohnung bleiben, er kränkelte, war oft schwach und sehr müde.

So wurde eines schönen Tages die Wohnung des alten Herrn geräumt, sein Haushalt aufgelöst und Opa musste umziehen zu Tochter und Schwiegersohn. Beide hatten sich bereit erklärt, den bedauernswerten alten Herrn zu betreuen.
Den Papagei jedoch konnten und wollten die Jungen aber nicht übernehmen. Cäsar machte zu viel Lärm, brauchte dauernde Zuwendung, große Aufmerksamkeit und die Reinigungsarbeiten für seinen riesigen Käfig waren auch zu aufwendig. Dafür war weder Zeit, noch Platz, noch Verständnis für das Tier, also keine Chance für Cäsar.

Opa Franzen war einerseits sehr froh, die Kinder wollten sich intensiv um ihn kümmern und hatten ihn in ihr Haus aufgenommen.
Auf der anderen Seite war der alte Herr sehr traurig, seinen geliebten und so klugen Papagei und Freund aufgeben zu müssen. Ihn bei fremden Leuten unterzubringen, dieser Gedanke schmerzte tief und Opa weinte, war depressiv und nicht zu beruhigen.
Seine Kinder blieben aber unnachgiebig und stur. Diesen unangenehmen gefiederten Störenfried konnte man auf Dauer ja nicht ertragen ...

Cäsar, der Kluge, hatte die Veränderungen mit bangem Herzen aufgenommen und nun Tränen in seinen klugen Äuglein, denn er merkte instinktiv, dass er nicht mehr gebraucht, nicht mehr geliebt, von seinem langjährigen Freund, Opa Franzen, getrennt und nun in fremde Umgebung kommen würde.

Opa´s Tochter hatte mit ihrer Bekannten, der Blumenhändlerin, vereinbart, dass diese früher oder später Cäsar wohl übernehmen sollte.
Ein schöner Vogel zwischen duftenden frischen Blumen in einem großen Ausstellungsraum war ja auch ein hübsches Bild für die neugierige Kundschaft.
Die Kunden kämen dann bestimmt öfter, auch um den klugen Grauen zu sehen. So hatte die Blumenhändlerin es sich wohl vorgestellt und geplant.
Und wenn der Papagei dann sprechen würde oder hübsche Töne von sich gäbe, würden die verweilenden Kunden auch noch länger bleiben und vielleicht auch noch mehr Blumen kaufen. So die Gedanken der Geschäftstüchtigen.

Die Blumenhändlerin kannte aber Cäsar und seinen Charakter nicht.
Er saß zwar in seinem gewohnten Käfig, aber alles rundum war neu und fremd, sogar ungemütlich. Wie sollte er sprechen oder hübsche Töne von sich geben, wenn er traurig, ohne Beschäftigung und unglücklich war.
Auch das Begaffen all der fremden Leute, die da ein und aus gingen, konnte Cäsar auf Dauer nicht ertragen.

Der kluge Graue, er wurde depressiv, stumpf im Federkleid, wollte nicht fressen und manchmal wurde er sogar aggressiv und hackte nach den Gaffern, die nahe an seinem Käfig standen. Cäsar als Ausstellungsstück, nein, nicht mit ihm!

Sprechen, hübsche Töne singen, viele Kunststücke vollführen, auf einem Bein balancieren, sich im Kreise drehen, ein Tänzchen wagen, Streichhölzer sortieren, auf der Schulter sitzen und zärtlich am Ohrläppchen knabbern, seinen Futternapf umwerfen und das Futter wunderschön in der Gegend verteilen und vieles mehr.
Dies alles war nun wohl Vergangenheit.
Besonders schön war es immer mit Opa Franzen, wenn er sein Kehlchen und sein Bäuchlein ausgiebig gekrault hatte.
Cäsar vermisste seine Zuwendung und die geliebten Streicheleinheiten so sehr.

Sein Köpfchen war traurig gesenkt, er wollte nur noch schlafen.
Geplustert und trostlos hockte er auf der hintersten Stange seines Vogelhauses.
Hie und da tänzelte eine graue Feder des Klugen im leichten Luftzug durch den Raum und blieb auf einer schönen Blume hängen ... Cäsar rupfte aus Frust an seinem Federkleid ...
Das schlimmste für Cäsar war aber, dass im Käfig nebenan vier Wellensittiche tagaus tagein Lärm machten durch schrilles andauerndes Piepen und Flattern, was die Kunden aufmerksam machte und auch noch hübsch fanden. Nichts für Cäsar, mit derlei Kleinvogelvieh wollte er sowieso nie was zu tun haben.

Die Geschäftsfrau machte sich Sorgen um Cäsar, nachdem sie mit ansehen musste, wie der Graupapagei reagierte, sich nicht wohl fühlte und vielleicht auch noch krank werden würde.
Doch eines schönen Tages sollte es eine Veränderung geben ...

Eine junge hübsche Studentin betrat eines strahlenden Tages den Blumenladen und wollte einen großen bunten Blumenstrauß kaufen. Ihre Mutters hatte Geburtstag und Claudia, so hieß die hübsche junge Frau, hatte noch kein passendes Geschenk für ihre Mutter gefunden.

Claudia wusste nun seit längerer Zeit, dass sich ihre Mutter sehr einsam fühlte, nachdem ihr Vater vor kurzem verstorben war und sie selbst durch ihr Studium für ihre geliebte Mutter wenig Zeit aufbringen konnte.

Jetzt stand sie vor all den herrlichen Blumen und wusste nicht so recht, welche Sorten und welche Farben für Mutter die richtigen sein würden. Sie überlegte und konnte sich noch nicht entscheiden, der Strauß musste einzigartig werden!

Cäsars Käfig hatte Claudia noch nicht entdeckt. Der Kluge war aufmerksam geworden und hatte die Absicht, mit Pfeiftönen auf sich aufmerksam zu machen, denn irgendwie war ihm diese junge Frau sympathisch.
Er hatte sie schon längere Zeit beobachtet und wollte sie nicht mehr aus den Augen verlieren, wusste aber nicht, warum eigentlich!

Cäsar, der Kluge, wollte ihre Aufmerksamkeit erreichen und fing an, auf der Stange hin und herzuwippen und in den höchsten Tönen zu gurren und zu erzählen.

Die junge Studentin wurde aufmerksam und war sofort von dem hübschen Vogel begeistert, der auf der Stange wie eine kleiner perfekter Tänzer hin- und her wippte und in lieblichen Tönen flötete. Sie konnte den Blick nicht mehr von Cäsar wenden. Was war das für ein herrlich lustiger zauberhafter Papagei.
„Hallo, kleiner Grauer, was machst du hier und wie geht es dir unter all den Blumen?“ fragte Claudia leise und beugte sich neugierig über den Käfig ...
Der Angesprochene hielt liebevoll sein kluges Köpfchen schief und stand nun witzig auf einem Bein ...

Die Geschäftsfrau war in der Zwischenzeit auf Claudia zugekommen, sie wollte wissen, für welchen Blumenstrauß sich die Studentin entschieden hätte und bemerkte mit großem Erstaunen, was Cäsar so alles anstellen konnte, wenn er sich gut fühlte.

Die Geschichte von Cäsar, wieso er nun im Blumen-Verkaufsraum sein neues Zuhause gefunden hatte, war schnell erzählt und dass der Kluge bisher nur traurig, bissig und einsilbig gewesen wäre, auch. So wie jetzt, hätte er sich noch nie benommen, seitdem er zwangsweise umziehen musste!
Erstaunt kommentierte die Geschäftsfrau „ ... so habe ich den Vogel noch nie gesehen und gehört, ich glaube, er mag sie ...“ und blinzelte der Kundin wissend zu.

Claudia fühlte sich sofort zu diesem klugen Kerlchen hingezogen und als ihr die Geschäftsfrau erzählte, dass sie den Vogel lieber wieder loswerden wollte, war der Entschluss von Claudia sofort gefasst.
Cäsar sollte das große Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter werden. Die reife Dame war sowieso immer sehr tierlieb gewesen und nach dem Tode ihres Mannes hatte sie doch Zeit, sich intensiv mit dem Papagei auseinanderzusetzen. Ihr Entschluss stand fest.

Die beiden Frauen wurden sich ziemlich schnell über den Kaufpreis für Cäsar und den schönen Blumenstrauß einig und Claudia fuhr nach Hause mit Glück und Zuversicht im Herzen, ihrer Mutter eine große Freude zu bereiten.

Der große Geburtstag war gekommen, die Geburtstagsgäste trafen nach und nach im kleinen hübschen Haus am Stadtrand ein und alle brachten Blumen und hübsche Geschenke mit.
Claudia kam ziemlich spät zur Festlichkeit ihrer Mutter mit einem herrlichen Blumenstrauß und mit einem großen sorgfältig abgedeckten Käfig.

Drin saß ganz stolz Cäsar und er wusste, dass es ihm nun sicherlich bald besser gehen würde als bisher zwischen all den Blumen, den lärmenden Kleinfedervieh und den fremden Gaffern, die er nicht leiden mochte.

Claudias Mutter war sprachlos. Sie konnte nicht fassen, ein lebendiges so schönes Geburtstagsgeschenk zu erhalten und war vom ersten Moment an von Cäsars Klugheit und keckem Auftreten begeistert.
„Oh, was ist das für ein wunderbares Geburtstagsgeschenk! Ein kleiner Freund, mit dem ich sprechen kann, der mich versteht und meine dunklen Gedanken vertreibt!“ Claudias Mutter war zu Tränen gerührt und beugte sich liebevoll über Cäsars Käfig.

Als der Kluge merkte, dies würde sein neues schönes Zuhause werden, war er nicht mehr zu halten und fing an, all seine Kunststücke zu zeigen, zu sprechen, zu flöten, zu wippen und zu tanzen, so wie seinerzeit von Opa Franzen gelehrt und geübt.
So gab es eine bezaubernde glückliche Geburtstagsfestlichkeit.

Ein glückliches Geburtstagskind, eine lustige Geburtstagsgesellschaft, eine fröhliche Tochter und vor allem einen nicht wieder zu erkennenden klugen Vogel, der, aus dem Käfig befreit, sofort die Geburtstagsgäste genau ins Auge fasste.
Geschäftig hin und her trippelte, da und dort an der Garderobe der Gäste zupfte und zog, nippte und wippte, sich im Kreise drehte, durchdringend flötete, kleine Leckerbissen verspeiste und so im Nu der Mittelpunkt des Festes geworden war.

Ihr lieben Leser fragt jetzt sicherlich, wie es mit Cäsar nach der Geburtstagsfeier weiterging!
Claudias Mutter wollte unter gar keinen Umständen je wieder auf den herrlich witzigen und klugen Kerl verzichten, der in der Zwischenzeit wieder aus allen Fugen und Federn glänzte und körperlich und geistig sichtlich in Hochform war.
Er hatte ein neues Zuhause und eine liebevolle Mutter gefunden, die auch dann ein Auge zudrückte, wenn er wieder Unsinn machte und zu übermütig war.
Die beiden, Mutter und Cäsar wurden unzertrennlich und lebten glücklich und zufrieden bis an ihr seliges Ende.