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Der kluge Held


© Vera Maria Lafrenz

 

In der Nähe vom Plattensee im schönen Ungarnland gab es vor langer Zeit ein kleines malerisches Dorf mit alten einst hübschen Bauernhäusern, einer breiten Dorfstraße und in den Ställen und Gärten des Dorfes tummelten sich zahlreiche kleinere und größere Tiere wie Hühner, Enten, Kaninchen, Katzen,  Hunde, Ziegen und Schafe.
Natürlich waren da auch Pferde auf den Weiden zu sehen und entlang der Dorfstraße, auf und ab watschelnd, laut und ausdauernd schnatternd, große Gänseherden mit meist schneeweißen Gänsen.
Diese großen Gänseherden waren  typisch für die ungarischen kleinen Dorfgemeinden, und je größer die Herde und je fetter die Gänse, umso wohlhabender der Bauer.

Genauso so eine lautstark schnatternde Gänseherde watschelte die breite Dorfstraße auf und ab und zupfte da mal ein Gräschen oder Blättchen, wühlte dort das Erdreich mit den breiten Schnäbeln auf, um Würmer und Insekten zu suchen, oder schlabberte kühles klares Wasser aus dem kleinen Bach, der friedlich durch das Dorf plätscherte.

Diese weiß gefiederte Meute wurde von Janosch, dem klugen Ganter angeführt und alle folgten seinen schnatternden Anweisungen, so sollte es ja auch sein, denn er war der Chef der Gänseherde und alle akzeptierten ihn.     

Janosch war größer, stattlicher als die anderen Gänse und hatte an den Flügelspitzen einige dunkelgraue Federn, so dass man ihn schon von weitem erkennen konnte unter seinem Gefolge. Er war sich seiner Verantwortung auch voll bewusst und schnatterte lauter, respektloser und durchdringender als all die anderen Gänse.
Das friedliche alltägliche Leben im Dorf ging seinen gewohnten Gang.

Bauernfuhrwerke, die große Ballen von Stroh und Heu geladen hatten, fuhren vorbei, Bäuerinnen, die ihre Milchkannen, gefüllt mit köstlich frischer Milch zur Abholung auf die Straße stellten, waren fleißig bei der Arbeit und  Hirtenjungen trieben ihre zahlreichen Ziegen groß und klein zum nächsten Weideplatz.  Katzen, die auf leisen Pfoten vorbei schlichen und die fleißigen Legehennen im Auge hatten, die sie doch nicht jagen durften und Hofhunde, die träge in der Sonne dösten, bildeten das gewohnte Dorfbild.

Hie und da waren auch Reiter zu sehen, die vom Ausritt kamen und zurück zu den Pferdeställen strebten.
Auch mehrere streunende Hunde bevölkerten die Dorfstraße und verbellten jeden Fußgänger oder Reiter,  der als Fremder, eben als Tourist, sofort zu erschnüffeln war.

So begab es sich auch an einem ruhigen Freitag Nachmittag Ende September. Die Sonne brannte noch so heiß wie im Hochsommer und das Dorf bereitete sich auf eventuelle Reiter-Wochenend-Feriengäste vor, da war urplötzlich ein fürchterliches drohendes Getöse zu vernehmen.
Lautes gefährliches Rumpeln, durchdringendes Klappern, ängstliches lautes
Wiehern und höchst eiliges Galoppieren von flüchtenden Pferden war zu hören.

Janosch, der kluge Ganter, war auch an diesem Nachmittag mit seinen hübschen zahlreichen Gänsedamen in der Dorfstraße unterwegs und die gesamte Herde watschelte einträchtig und friedlich auf und ab.

Als das drohende Getöse näher kam, erkannte  Janosch sofort die Gefahr und warnte  mit schrillem durchdringendem Geschrei seine Gänsedamen, die schnell und erschrocken zur Seite flatterten, sich an die Holzzäune drückten
oder flink zum nahen Bach watschelten.

Das Pferdefuhrwerk von Bauer Shandor war ins Trudeln geraten und umgefallen, die Pferde sehr erschrocken und dann in wilder Panik durchgegangen. Beide Pferde schleiften das in der Zwischenzeit in alle Einzelteile zersplitterte Fuhrwerk hinter sich her und Bauer Shandor war kopfüber in den Straßengraben gefallen und lag nun da, geschockt, stöhnend vor Schmerzen mit gebrochenem Bein.

Die dicke Ladung von Heu und Stroh war in alle Winde verstreut und säumte die Dorfstraße und die umliegenden Vorgärten.
Beide Pferde waren in wilder unkontrollierter Weise durch das Dorf galoppiert, hatten Milchkannen umgeworfen, Gartenzäune beschädigt, Steine durch die Luft geschleudert und eine Katze – die nicht schnell genug zur Seite springen konnte – überfahren und mitgeschleift.
Danach war nichts mehr zu sehen und zu hören, gespenstische Stille.
Nur eine drohende große Staubwolke erzählte als stummer Zeuge in der Nachmittagshitze noch von dem eben durchlebten schlimmen Ereignis.

Als die Gefahr vorbei war, watschelte Janosch, so schnell ihn seine roten Gänsefüsschen trugen, höchst aufgeregt die staubige Dorfstraße hinunter und entdeckte den armen verunglückten Bauern, der blutverschmiert und leise vor sich hinjammernd,  im Straßengraben saß.

In der Zwischenzeit hatte auch die Gänseherde Bauer Shandor erreicht, umringte ihn, um ihn vor weiterem Unglück zu schützen und Janosch, mit langem Hals, aufgeregt laut kreischend und schnatternd, erreichte den nächstgelegenen Bauernhof, wo die Bäuerin bereits neugierig am Gartenzaun stand, um zu sehen, was denn Schlimmes vorgefallen war.

Die Bäuerin wunderte sich über Janosch, der aufgeregt, flügelschlagend und laut schreiend auf und ab watschelte und keine Ruhe geben wollte, so dass sie ihm doch – neugierig geworden - folgte und Shandor, den armen schwer Verunglückten fand.
Der arme Verletzte hatte sich in der Zwischenzeit aus dem Straßengraben zum nahen Gartenzaun gerettet, wo er leise stöhnend vor Schmerzen saß und auf baldige Hilfe wartete.

Sofort informierte die Bauersfrau den Landarzt aus dem Nachbar-Dorf.
Shandor wurde gut erstversorgt und dann ins nächste Krankenhaus gefahren, wo er längere Zeit behandelt werden musste. Sein linkes Bein war mehrfach gebrochen.

Die beiden durchgegangenen Pferde hatten sich in der Zwischenzeit beruhigt und wurden – friedlich grasend – auf einer nahen Koppel gesehen.  Beide hatten nur geringfügige Schnitt- und Schürfwunden davongetragen.
Nicht so Bauer Shandor, sein mehrfach gebrochenes Bein machte ihm noch längere Zeit richtig zu schaffen.

Ab diesem Tage aber war Ganter Janosch der Star der Umgebung und alle Gänsedamen bewunderten ihn und die Bauern ringsum waren neidisch. So einen klugen Ganter hätten sie auch gern für ihre Gänseherden gehabt.                                                      
Der Besitzer von Janosch war natürlich sehr stolz auf seinen klugen Helden und setzte in seine Nachkommenschaft große Hoffnungen.
                                                 
Das Schönste und die Moral von der Geschicht'?
Janosch hatte die Garantie, niemals als knuspriger Gänsebraten zu enden ...