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Geschenk


© Vera Maria Lafrenz

 

Es ist schon sehr lange her, da gab es einen alten gut geführten Bauernhof im schönen Österreich, nahe der ungarischen Grenze.
Er lag außerhalb des Ortes, etwas abseits, aber die Bäuerin, der Bauer und ihr alter langjährig beschäftigter Knecht Loisl, der eigentlich schon zur Familie zählte, fühlten sich nicht einsam.                                    
 
Alle drei hatten immer viel zu tun mit ihren Milchkühen, den Schafen, Ziegen und dem zahlreichen Federvieh wie Enten, Gänsen und glücklichen Hühnern, die fleißig waren und reichlich Eier legten.
Die Bäuerin war eine gutherzige kleine Frau, ein wenig rundlich, aber es war  immer noch zu sehen, dass sie in einstigen jungen Jahren ein sehr hübsches Mädl gewesen sein musste. Ihr graues volles Haar, ihre dicke Brille auf der lustigen Stupsnase,  ihre kräftigen arbeitsbereiten Hände und ihre unermüdliche Schaffenskraft schätzte der mürrische Bauer sehr und ihr sonniges Gemüt, ihr Humor und ihre Herzensgüte hatten ihr großes Ansehen im nahen Dorf eingebracht.

Jeden Tag war die Bäuerin schon frühmorgens auf den Beinen, denn die Kühe wie auch all´ ihre anderen geliebten Tiere sollten doch gut versorgt sein.
Mutter Hofferer hatte schon viel erlebt in ihrem langen Leben, nicht nur Sonnentage sondern auch mehrere harte Schicksalsschläge zeichneten ihren Lebensweg.
Der schlimmste Schicksalsschlag war der schwere Unfall des Bauern im eigenen Waldgelände. Sein linkes Bein wurde bei Holzarbeiten durch einen fallenden Baumstamm eingeklemmt und schwer verletzt.
 
Seither war der Bauer gehbehindert, hatte immer Schmerzen im Bein und musste einen Gehstock benutzen, wenn er weitere Wegstrecken zurücklegen wollte. Daher musste die Bäuerin oft hinnehmen, dass der Bauer brummig und schlecht gelaunt zu Tisch kam oder auch tagelang wortkarg blieb.

Das Ja-Wort, welches sie sich liebevoll und gut überlegt vor 45 Jahren gegeben hatten, galt auch heute noch trotz allem. Intensive Lebenserfahrung, harte Arbeit und Schicksalsschläge konnten daran nichts ändern.
Der Sohn hatte studiert und war seit langer Zeit Zahnarzt mit gut gehender Praxis in Klagenfurt und die Tochter hatte sich ihren Traum erfüllt und wurde Erzieherin- von den Kindern innig geliebt -  im schönen Graz.
So waren die beiden Alten letztendlich alleine geblieben, aber nicht traurig darüber, nachdem sie ja ihre Kinder versorgt und in der Nähe wussten.

Die Hofferers waren immer bescheiden geblieben, im nahen Dorf sehr beliebt und der alte Knecht Loisl würde sich für seine Bauersleut lieber totschlagen lassen, bevor er zulassen würde, dass den beiden Alten was Schlimmes passieren sollte.

Nun stand bei den Hofferer´s  eine große Festlichkeit an.
Die beiden Alten sollten in kürze ihren 45. Hochzeitstag feiern und sämtliche Dorfbewohner waren schon in Vorfreude auf das zu erwartende große Fest. Auch die Hofferer-Kinder hatten ihren Besuch angekündigt.

Der weitläufige Festsaal im nahen Dorfkrug wurde ausgiebig und einfallsreich geschmückt und die Musikkapelle der Freiwilligen Feuerwehr probte schon fleißig und lautstark ihre Blas- und Tanzmusik.

Nachdem alle Bekannten und Freunde zusammenlegen wollten für ein großes Geschenk, beschlossen sie, eine neue Eingangstür für das alte Bauernhaus anfertigen und rechtzeitig zum großen Fest einbauen zu lassen.
Durch eine neue schöne Eingangstür in die nächsten glücklichen reifen Ehejahre zu gehen fanden alle Beteiligten als sehr gelungenes Geschenk.

Die anreisenden Kinder wussten von diesem Geschenk natürlich nichts und überlegten, womit sie ihre Eltern erfreuen könnten.
Immerhin war der 45. Hochzeitstag ein großes Ereignis.

Sohn und Tochter beschlossen, zum großen Festmahl der Jubilare ein wenig beizutragen und kauften beim Großbauern in der Nähe ein gut genährtes, hübsch in Farbe stehendes, vergnügt quiekendes Spanferkel, welches den Festtagstisch um eine Spezialität bereichern sollte.
                                                                    
So rückte das große Fest immer näher, die Nachbarn und Freunde hatten ihre Aufgaben erfüllt und die Wirtsleute des Dorfkrugs waren schon in großer Vorfreude und schafften alle Köstlichkeiten heran, die Küche und Keller so zu bieten hatten.

Im schneidigen Trachtenanzug und im hübschen bunten Dirndl mit leuchtend weißer Spitzenbluse präsentierten sich Bauer und Bäuerin an ihrem großen Tag und die ausgelassene Festlichkeit mit Essen, Trinken, Redenhalten, Tanzen, Schunkeln, Tanz- und Blasmusik und heftigen lautstarken Diskussionen nahm ihren Lauf im wunderschön mit Blumengestecken und Girlanden, Lampions, vielen bunten Papierschlangen und Kerzen geschmückten Festsaal.
Nur die Kinder fehlten noch zum großen Festtagsglück!
Doch plötzlich standen beide Gratulanten in der Tür, kamen glückstrahlend, mit großem Blumenstrauß und etwas Quiekendem im Arm, auf ihre Eltern zu.

Mutter Hofferer erkannte ein süßes rosa Spanferkel im Arm der Tochter und war sofort angetan von dem kleinen hübschen Tier und freute sich sehr über das unerwartete Geschenk.                                                
Dass das Ferkelchen als weiterer Festtagsbraten gedacht war, lehnte die Bäuerin entrüstet ab.
So kam es, dass das hübsche kleine Spanferkel als Haustier bei Mutter Hofferer einzog, das Herz der Bäuerin im Sturm erobert hatte, verwöhnt  wurde und sich breit und breiter machte im Stall und auf dem Hof ...

Die Hofferin nannte das niedliche kleine Schweinchen zärtlich Röschen, weil es eine so schöne glatte weiche und wunderbar rosa gefärbte Haut sein Eigen nannte, so niedlich ausdauernd quieken und das Ringelschwänzchen besonders keck wippen lassen konnte, wenn das Ferkelchen Aufmerksamkeit suchte.
                                            
Röschen bezog im Kuhstall eine gemütliche Ecke, welche mit Stroh und Heu reichlich ausgestattet wurde und die kleine Grunzerin schlemmerte, schmatzte ausgiebig und ließ es sich sichtlich gut gehen.

Bisher war immer Ganter Gustl der Liebling der Bäuerin gewesen, nachdem er stets aufmerksam und wachsam war gegenüber seinen Gänsedamen, dem gesamten Federvieh und dem bäuerlichen Anwesen.

Die Hofferin brauchte daher auch keinen Hund auf dem Hof, denn Gustl hatte all´ die Pflichten eines aufmerksamen Wächters über Haus, Hof und Tierbestand bisher ausgezeichnet erfüllt.

Seitdem Röschen bei Hofferers eingezogen war, wurde Gustl vernachlässigt, nicht mehr so sehr beachtet, nicht mehr gestreichelt, verwöhnt und gelobt. Diese Gunst fiel jetzt Röschen zu und darüber war der gewissenhafte Ganter sehr
missmutig und wurde langsam immer ärgerlicher ...

So kam es wie es kommen musste. Röschen wurde mit der Zeit immer größer, dicker und frecher und den Bauersleuten wie auch Loisl dem Knecht war es nicht verborgen geblieben, dass Röschen sich langsam aber sicher zur tyrannischen fetten Sau entwickelt hatte.                                             

Als Röschen – nun zu einer stattlichen Rosa herangereift - anfing, die Tiere auf dem Hof zu tyrannisieren und jede Menge Schabernack und Gemeinheiten auszuhecken, schwor Ganter Gustl Rache ...

... “so kann das doch nicht weitergehen schnatt schnatt schnatt mit der fetten Rosa, dieser tyrannischen Sau ...“ schnatterte Ganter Gustl verbittert und lautstark zwischen seinen aufgebrachten Gänsedamen….“irgendwann wird meine Stunde kommen, schnatt schnatt wo ich helfen muss, schnatt,  aufpassen muss, schnatt, bereit sein muss ... schnatt schnatt schnatt ...“
Helles, lautstarkes, unüberhörbares und nervöses Geschnattere seiner zahlreichen Gänsedamen war die berechtigte Antwort auf Gustl´s Sorge.

Frühmorgens, wenn die Bäuerin ihre Kühe gemolken hatte, versuchte Rosa, die vollen Milchkannen umzuwerfen, um die leckere Milch vom Stallboden aufzulecken. Gelang dies nicht, dann biss sie kräftig und gekonnt in die Beine der erschrockenen Kühe, die daraufhin laut muhten, unruhig mit den Schweifen schlugen, nicht mehr stillstehen wollten und die Bäuerin alle Mühe hatte, ihre Kühe wieder zu beruhigen, um zu melken.

Die zahlreichen Eier der fleißigen lautstark gackernden Hühner waren der nächste genussvolle Angriffspunkt für Rosa.
Mit ihrer weit vorstehenden gemeinen harten Rüsselnase fegte sie Stroh, Sägespäne, Hühnerfutter und Eier durcheinander, schleckte einige Eierschalen leer und aus all den anderen schönen Eiern produzierte sie mit Freude und Übermut Rührei und zwar so perfekt, dass man den wunderschönen Einheitsbrei guten Gewissens verkosten konnte.
                        
“Gak, gak, gak, es hat kein Zweck, gak, gak, gak, die Sau muss weg ...“ hörte man die zahlreichen bisher glücklichen Hühner laut, nervös und ungehalten gackern ... gak, gak, gak ... es hat kein Zweck, gak gak, gak ...  die Sau muss weg.                           
Mutter Hofferer war zuerst traurig über Röschen´s Unarten,  wurde im Laufe der Zeit aber immer ärgerlicher und böse, nachdem Rosa nichts Besseres zu tun hatte und es ihr sichtlich Schadenfreude bereitete, die schwere Arbeit der Hofferers ausgiebig und empfindlich zu stören.                          

Wenn Rosa die Hühnerjagd zu langweilig wurde, ging sie auf die friedlichen Ziegen los, rannte, so schnell es ihre kurzen Beine erlaubten, hinter den Meckerern her und versuchte ausdauernd zu beißen, zu boxen, zu schubsen und Angst einzujagen.
Auch die friedlichen Ziegen beschwerten sich ...“meeek, meeek, meeek, kein Zweck, kein Zweck, Rosa die freche Sau muss weg, meeek, meeek, meeek ...“                                  
Bei den Gänsen hatte es die dicke fette Rosa auch schon mit ihren gemeinen Attacken probiert, aber da kam sie an dem eifersüchtigen aufmerksamen und kampfbereiten Ganter Gustl nicht vorbei.

Der Ganter stellte sich tapfer, laut kreischend und flügelschlagend dem unverschämten fetten Schwein entgegen und verärgert über das tyrannische Gehabe der Fetten schnappte Gustl kampfeserprobt, ausdauernd und bissig nach Rosa´s dicker breiter Schnüffelnase.  

Rosa suchte dann laut grunzend und ungehalten das Weite und Ganter Gustl watschelte aufgebracht hinter der Fetten her und mit langem Hals und weit aufgerissenem Schnabel versuchte er noch, Rosa in ihren empfindlichen hoch erhobenen Ringelschwanz zu zwicken.                                       

Wütend darüber, bei den Gänsen nichts erreicht zu haben, wühlte Rosa die angrenzende Wiese von unten nach oben und zerstörte mit Ausdauer und bösem Schnauben das Auslaufgelände der fleißigen Legehennen und rannte dann voller Wut das im Hof sorgfältig gestapelte Kleinbrennholz über den Haufen.

Der Bauer war entsetzt und sah dann wutschnaubend sein mühsam gestapeltes Kleinholz in einem unübersichtlichen Holzhaufen wieder. Er hatte die Nase voll von dem einstigen so niedlichen Röschen!

An einem frühen Morgen, als die Hofferin wieder ihre Kühe gemolken hatte und die vollen Milchkannen zur Seite stellen wollte, raste plötzlich und aus nicht
ersichtlichem Grunde Rosa aus einer dunklen Ecke des Stalls auf die Bäuerin los und wollte sie zuerst gemein an Rock und Schürze zerren und dann in die Beine beißen.
Gerade in diesem Augenblick kam der Bauer um die Ecke gehumpelt und wollte zu seiner Frau, ihr im Stall ein wenig behilflich sein.
                                           
Aber Ganter Gustl war schneller als der Bauer und raste laut krächzend, flügelschlagend mit vorgestrecktem langen Hals und offenem Schnabel auf Rosa los und hackte so lange auf die unverschämte Fette ein, bis diese verdutzt kehrt machte und hoheitsvoll mit hocherhobener Schnüffelnase und wippendem Ringelschwanz aus dem Stall trabte.

“Oh Gustl, du braver treuer Wächter, was würde ich bloß ohne dich tun, du hast mich gerettet ...“ rief die Bäuerin voller Schreck über Rosa´s bösartigen Beißangriff. Der Bauer nahm seine Frau in den Arm, versuchte zu beruhigen  und schrie der dicken Rosa hinterher ...“das waren nun deine allerletzten Gemeinheiten, jetzt ist endgültig Schluss damit ... du wirst dich wundern ...“  
Gustl wurde wegen seines Mutes und seiner Wachsamkeit vom Bauern sehr gelobt und bekam einen besonderen Leckerbissen aus der Hand der Bäuerin. Jetzt war das Maß endgültig voll ...                                        

Kurz nach diesem bedauernswerten Vorfall zwischen Rosa und der Bäuerin kam ein großer dunkler Kastenwagen auf den Hof gefahren, zwei fremde Männer stiegen aus, zogen eine kleine Holzplanke, die zur Verladung dienen sollte, aus dem Fonds des Wagens und versuchten, mit einem Seil Rosa habhaft zu werden.
Die kluge Fette war natürlich schnell auf ihren kurzen Beinen, witterte Gefahr und fegte zuerst auf der Wiese zwischen Hühnern, Enten und Gänsen hin und her, rannte dann flink rund um den Misthaufen und als sie sich in die Enge getrieben fühlte, galoppierte sie in den Stall und verkroch sich in ihre Ecke, die einst vor vielen Monaten von der Bäuerin so liebevoll für sie, für Röschen, eingerichtet worden war.

Nun saß die dicke Sau in der Falle und die beiden fremden Männer konnten ihr ein Seil um den Hals schlingen, aus welchem sie sich nicht mehr befreien konnte.
Rosa wurde trotz starker Gegenwehr und lautem Protestgequieke verladen und der geheimnisvolle Kastenwagen fuhr mit der behäbigen Fracht auf und davon.

Der Bauer legte tröstend seinen Arm um die Schulter seiner traurigen Frau, die einige große dicke Tränen mit ihrem Taschentuch zu trocknen versuchte.
 
Endlich war wieder Frieden und Eintracht auf dem alten hübschen Bauernhof der Hofferers eingekehrt und Ganter Gustl war wieder Liebling der Bäuerin und verrichtete aufmerksam und gewissenhaft seine Aufsichtspflicht gegenüber seinen Gänsedamen und dem gesamten Anwesen.

Das zahlreiche Federvieh war selig und schnatterte und gackerte fröhlich und ohne Unterlass ... endlich wieder ein friedliches Leben ... und die Ziegen, nun nicht mehr gejagt und geärgert, meckerten fröhlich, laut und ausdauernd dazwischen.
Man hatte nie wieder etwas von der tyrannischen Rosa gehört.
Nur seltsamerweise feierten die Hofferers nun des öfteren auf dem Hof und es gab für die vielen lieben Gäste schmackhafte Leckereien.

Köstlichen Schweinebraten, herrliches gebratenes oder gegrilltes Schweine-Filet, schmackhaftes Wiener Schnitzel, knackige Bratwürste, Blutwurst, Wiener Würstchen, leckere Fleischspieße und natürlich zwischendurch auch scharfes, wunderbar mundendes ungarisches Gulasch.
Könnte es vielleicht sein, dass Rosa ihre Bestimmung als leckeres und köstliches Hochzeitsgeschenk spät - aber doch noch - erfüllt hat?