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Glück


© Vera Maria Lafrenz

 

In diesem Jahr war es früher als erwartet sehr kalt geworden und die Natur bereitete sich auf einen strengen Winter vor.
Bäume, Sträucher und hohe Gräser hatten sich in herrliche Raureif-Figuren verwandelt und strahlten märchenhaft glänzend in der kalten Mittagssonne.

Der nahe gelegene Park mit dem malerisch angelegten Teich ließ auf wunderschöne Wintertage hoffen und das Teichwasser war wie durch Zauberhand bereits mit einer verräterisch glänzenden dünnen Eisschicht bedeckt.
Es waren die Tage nach dem zweiten Advent und viele kauflustige fröhliche Menschenkinder hatten schon alle Hände voll zu tun, um kleinere und größere Geschenke für all ihre Lieben zum großen Fest zu besorgen.

Lilly wollte überhaupt kein Geschenk mehr vom Weihnachtsmann.
Das kleine Mädchen hatte zu ihrem Geburtstag vor einigen Tagen den größten Herzenswunsch erfüllt bekommen, einen jungen, quirligen, süßen Zwerg-Rauhaardackel namens Max.

Der kleine Vierbeiner war erst einige Monate alt, musste noch viel lernen und hatte immer nur dumme Streiche und Unsinn im Sinn.
Seine schwarzen klugen Äuglein, die krummen dicken Beinchen, sein drahtiges dunkles Fell, die kleinen Schlappohren und die runde niedliche Kaltschnauze waren ja auch wirklich zum verlieben.
Man konnte dem kleinen Kerl keinen einzigen Wunsch abschlagen ...

Klein-Lilly, ein hübsches zierliches Mädchen von sieben Jahren mit kastanienbraunen Locken, kleiner Stupsnase und vielen lustigen Sommersprossen, liebte Max über alle Maßen und ging, so oft es möglich war, auch sofort nach dem Schulunterricht mit dem niedlichen Vierbeiner spazieren.
„Mutti hat gesagt“ so Lilly klug zu ihrem Hund „du musst in der nächsten Zeit noch immer an der Leine gehen, damit du nicht wegläufst und Unsinn machst, stimmt doch oder?“

Schlitzohr Max guckte dann ganz lieb mit schrägem Köpfchen und hängendem Ohr und ließ jaulende Protesttöne hören und bellte leise.

So kam es, dass an einem frühen Nachmittag, bei blauem Himmel, winterlicher Kälte und schneidendem Wind Lilly und Max wieder unterwegs sein wollten.
„... Mami, wir gehen nur kurz in den Park, kommen gleich wieder. Max soll seine Beinchen vertreten. Habe heute nur wenige Zeilen als Hausaufgabe, tschüs bis später ...“
Kind und Hund huschten freudig und flink aus der Tür.

Mutter Klara war gerade dabei, ihre Bügelwäsche zu ordnen und hörte nur mit einem Ohr, dass ihre Tochter mit Hund nur kurzfristig das Haus verlassen wollte.
„Sei vorsichtig mein Kind, achte auf Max und komm bald wieder ...“
waren ihre kurzen mahnenden Worte.

Fröhlich hüpfend und vor sich hin trällernd machte sich die Kleine mit ihrem geliebten Hündchen auf den Weg in den Park.
Die lange Hundeleine hatte Lilly zu Hause gelassen und nahm nur eine kurze Führleine für Max mit auf den Weg, es war ja nicht weit ins Grüne.
Auf dem kurzen Spazierweg, plötzlich und unerwartet, kam den beiden ein riesiger schwarzer Rottweiler entgegengetrabt, der weder einen Maulkorb trug noch an der Leine geführt wurde.
Wütend, angriffslustig und böse bellte der riesige Kerl, knurrte bissig und zeigte seine scharfen Zähne. Wollte den kleinen Dackel nicht nur intensiv einschüchtern, sondern auch angreifen und verletzen.

Max, verängstigt und zu Tode erschrocken, rangelte mit aller Kraft an der kurzen Leine, riss sich los, tapste, so schnell ihn seine kleinen dicken Pfoten trugen in den nahe gelegenen Park und oh Schreck, auf
die Eisfläche des leicht zugefrorenen Parkteiches.
Lilly rannte weinend und schreiend hinter ihrem Hundchen her und bemerkte entsetzt, dass der kleine Vierbeiner auf der dünnen Eisfläche eingebrochen war, kläglich winselte, wild paddelte, laut bellte, erbärmlich jaulte und früher oder später zu ertrinken drohte ...

Der riesige bissige Rottweiler wurde in der Zwischenzeit von seinem Herrn mit strengen energischen Worten zur Ordnung gerufen, sofort angeleint und war nicht mehr gesehen.

Lilly, außer sich und in Panik, sprang ohne zu zögern in das eiskalte mit Eis bedeckte Teichwasser und wollte unter alle Umständen ihren geliebten Vierbeiner retten.
Doch das eisige Wasser, die Eisschollen wie der schneidende erbarmungslose Winterwind ließen der tapferen Kleinen wenig Chance.
Ihre jungen Glieder erstarrten, sie konnte sich nur noch schwer bewegen und kam in große Not ...

„Hilfe, Hilfe, mein Hund, mein kleiner Max, Hilfe, ich kann nicht mehr! Mir ist so schrecklich kalt, bitte bitte helft mir doch ...“ flehte und schrie die kleine Tapfere kläglich und paddelte mit allerletzter Kraft um ihr junges Leben ...

Opa Schmidtke ging um die Mittagszeit immer eine kleine Runde spazieren, meist im oder rund um den Park.
Heute wollte er ausnahmsweise einen größeren Spaziergang machen und setzte seinen Stock kräftigen Schrittes ein, um gut voran-zukommen. Das Wetter war kalt, klar und windig, es duftete schon ein wenig nach Lebkuchen und Tannengrün.

Er war seit langem Witwer und nur seine Tochter kümmerte sich von Zeit zu Zeit um ihn. Immer schon hatte er sich einen Enkel gewünscht, aber seine Tochter hatte nicht die Absicht, eine Familie zu gründen, so war Opa Schmidtke oft alleine.
Vor kurzem wurde ihm ein Herzschrittmacher eingesetzt und sein Arzt hatte ihm nahe gelegt, er sollte, so oft er in der Lage wäre, kurze oder längere Spaziergänge unternehmen.
Er befolgte gerne diesen guten Rat!
Plötzlich hörte Opa Schmidtke schrille ängstliche Hilferufe aus dem Park, was war denn passiert?
So schnell ihn seine kranken Beine trugen, lief er in den Park zum Teich und sah erschrocken ein kleines Mädchen und einen winzigen Hund hektisch im eiskalten Wasser paddeln, beide in großer Not.

„Hallo, liebes Kind, ich komm und helfe dir, bleib` ruhig, bleib` ruhig, ich bin ja gleich bei dir ...“ rief der alte Herr dem Mädchen zu und sprang, gesagt wie getan, ohne weiter über seine Krankheit nachzudenken, in den eiskalten Teich, um Kind und Hund zu retten.

Eine aufmerksame Passantin mit einem hübschen Vorzeige-Mops spazierte gerade den Park entlang. Neugierig und aufgeregt erfasste sie die tragische Situation und benachrichtigte pflichtbewusst sofort Polizei und Feuerwehr.

Der alte Herr, früher ein durchtrainierter Sportsmann, erreichte mit Mühe das Kind in Todesangst, versuchte es zu beruhigen, spürte die schnell aufsteigende eisige Kälte des Wassers und es wurde ihm schmerzlich bewusst, er musste so schnell wie möglich wieder das Ufer erreichen, bevor seine Kraft ihn verließ.

„Hilfe, mein Max, eben ist er untergetaucht, er wird ertrinken, nein, nein, das kann nicht sein ... Max wo bist du ...“ weinte herzzerreißend das tapfere Mädchen in seiner Verzweiflung!

Mit einem Arm hielt Schmidtke nun das geschockte Kind ganz fest und erwischte gerade noch das eine Schlappohr des wild paddelnden jaulenden kleinen Hundes, konnte ihn dann am Halsband fassen und mit ans Ufer ziehen.

In der Zwischenzeit war der Notarztwagen eingetroffen, Mutter Klara verständigt worden, die händeringend und weinend ihre an allen Gliedern schlotternde, laut schluchzende Tochter ganz fest in die Arme nahm.
Opa Schmidtke und Klein-Lilly wurden wegen schwerer Unterkühlung zur Beobachtung ins Krankenhaus gefahren und Max, der freche ängstliche Vierbeiner von Mutter Klara in ihren dicken Wollschal eingepackt, liebevoll gedrückt, gestreichelt und nach Hause in sein Hundekörbchen gebracht.

Ab diesem verhängnisvollen Tage waren die drei Personen, die auf so gefährliche Weise zueinander gefunden hatten, ein gutes harmonisches Team.
Mutter Klara, allein erziehend, herzenswarm, ansehnlich und in mittleren Jahren, freute sich immer sehr, wenn Opa Schmidtke zu Besuch kam, ihrer Tochter spannende Märchen erzählte oder Lilly mit Hund zum Spaziergang abholte.
Immer schon hatte sich der alte Herr einen Enkel gewünscht.
Ich glaube, jetzt war es soweit. Er hatte ein tapferes kleines Mädchen namens Lilly tief in sein Herz geschlossen.

Und Mutter Klara war dem beherzten Lebensretter ihrer Tochter so unglaublich dankbar, dass sie Opa Schmidtke des Öfteren liebevoll bekochte mit seinen Lieblingsgerichten wie Schweinshaxe mit Sauerkraut und Semmelknödel, mit deftiger Kartoffelsuppe, herrlich duftendem ungarischen Gulasch oder köstlich goldgelb gebratenen Apfelpfannkuchen.

So hatte der seinerzeitige verhängnisvolle kalte Wintertag für alle Beteiligten doch noch ein gutes Ende gefunden.