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Herbsttag


© Vera Maria Lafrenz

 

Strahlend und leuchtend bunt zeigte sich der herbstlich gefärbte Mischwald in diesen Wochen. Die letzten warmen Sonnenstrahlen tanzten mit Wehmut über diesen bunten Glanz und wussten, dass der Abschied von den freundlichen und warmen Tagen kurz bevor stand.
Es war Herbst geworden und Fauna und Flora bereiteten sich langsam auf den bevorstehenden kalten Winter vor.

Jana und Jens, die streitbaren Zwillinge, Kinder des Gastwirtes am Ort, fanden diese herbstlichen Tage wunderschön und abenteuerlich.

Jana, achtjährig, mit rotem Schopf, frecher kleiner Stupsnase und unzähligen Sommersprossen, klug und mütterlich, hatte ihren Bruder Jens immer schon, so lange sie denken kann, ein wenig bevormundet. Sie war nämlich eine halbe Stunde älter als ihr Bruder, und diese Tatsache nutzte sie oft zu kleinen bösen Sticheleien bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit.

Jens nervte diese altkluge Besserwisserei seiner Zwillingsschwester jeden Tag aufs neue und er suchte nun krampfhaft früher oder später eine Gelegenheit, um zu beweisen, dass er eigentlich der Beschützer seiner Schwester sein wollte.

Jens war für seine acht Jahre groß geraten, schlank und drahtig. Er unternahm gerne Waldlauf, seine etwas abstehenden Ohren und sein dunkler Lockenkopf prägten sein markantes Aussehen.
Auch hatte er ein klassisches Profil. Nase und Kinn waren ein wenig spitz geraten. Eigentlich – wenn man nicht wüsste, dass Jana und Jens Zwillinge waren – könnte man diese Tatsache leicht vergessen.

Die große Gastwirtschaft mitten im Ort war ihr Zuhause und Vater Thomas plagte sich tagaus tagein mit all seinen mehr oder weniger trinkfreudigen Gästen herum, die oft die Nacht zum Tage machen wollten.
Sein Sohn Jens sollte Koch werden und früher oder später den Gasthof übernehmen, so war es von Vater geplant.

Jana, die hübsche Rothaarige, würde sowieso wegheiraten und das Dorf verlassen, so Vaters Vorstellung.

Es war Mittwoch, Ruhetag in der sonst unruhigen Gaststätte.
Vater hatte sich mittags ein wenig aufs Ohr gelegt und Jana und Jens langweilten sich nach der Schule. Sie wollten nicht schon wieder streiten und beschlossen, nachdem ein so strahlender Herbsttag lachte, eine flotte Radtour in den nahe gelegenen Wald zu unternehmen.

Vor kurzem hatten beide flotte Fahrräder zum Geburtstag bekommen und so oft es ihnen möglich war, radelten beide nun flink und ausdauernd in der weiteren Umgebung.  
Beide Kinder aßen besonders gerne ein köstliches von Vater zubereitetes Pilzgulasch mit Semmelknödel, so beschlossen sie, Pilze zu sammeln.

Jana überzeugend: "also los Bruderherz, worauf warten wir. Beeilung, es wird nämlich schon viel früher dunkel“.

„Jana, vergiss nicht, den größeren Korb mitzunehmen“ rief der tüchtige Jens seiner Schwester zu, „du weißt ja, Pilze brauchen viel Platz und sollten nicht gedrückt werden“.

„Ja, ja, du immer mit deinen Belehrungen, dies ist mir schon klar ...“ grummelte Jana etwas ungehalten, kramte den großen Einkaufskorb aus der Vorratskammer und beide Kinder verließen leise und ungesehen ihr Zuhause.
„Lass' uns doch lieber laufen, wenn wir leise sind, können wir viele Tiere beobachten und Pilze sammeln. Wenn wir radeln, gibt es zu viel Unruhe im Unterholz“ bemerkte Jana wissend.

So marschierten beide frohen Mutes hüpfend, lachend und gut gelaunt in den nahe gelegenen Wald.

Ein fast noch sanfter Wind säuselte geheimnisvoll in den hohen Baumwipfeln, einzelne bunte Blätter tanzten elegant durch die Luft, bevor sie auf dem kühlen feuchten Waldboden landeten, hie und da huschte ein verängstigtes kleines Waldmäuschen durch das raschelnde welke Laub und die letzten freundlichen Sonnenstrahlen versuchten Wärme zu spenden.

Wenn man ganz still war und ein gutes Auge und Ohr dafür hatte, konnte man auch schnaufende Igelkinder sehen und hören, wie sie versuchten, sich durch intensive schmatzende Fressgelüste für den Winterschlaf fit zu machen.

Einige kunstvoll gewebte Spinnennetze zierten tief hängende Äste und hinter einem dicken Baumstamm lugte neugierig ein schlauer kleiner Fuchs hervor, ließ seine großen Ohren spielen und verschwand dann lautlos im Unterholz.

Die Zwillinge durchstreiften sorglos den bunt gefärbten Mischwald, beäugten vergnügt die leuchtenden Fliegenpilze, die es in Vielzahl gab, aber leider nicht essbar waren und ohne es zu bemerken, liefen sie immer tiefer in den Wald hinein. Kamen an eine Lichtung, die sie beide bisher noch nie gesehen und betreten hatten.

„He, Schwesterchen, guck' mal da“ rief Jens plötzlich voller Begeisterung.
„Hast du die Ansammlung von Steinpilzen dort drüben unter dem Strauch gesehen, da müssen wir unbedingt hin und ernten ...“

„Vater wird sich freuen, wenn wir so herrliche große und duftende Steinpilze mitbringen“ flötete Jana überzeugt und strebte nach der Stelle, wo die knackigen Pilze lockten.

Nach einigen Schritten hatte das Mädchen ein komisch weiches Gefühl unter den Füßen. Der kühle Waldboden schien nachzugeben, senkte sich langsam und stetig, so dass Jana urplötzlich feststeckte und immer tiefer einzusinken drohte.

„Was ist das denn hier für ein Mist, ich stecke fest und kann meine Füße nicht mehr bewegen. Jens komm her und hilf mir hier raus, aber schnell ...“ rief Jana etwas ängstlich ihrem Bruder zu, der sofort erkannte, dass hier vielleicht Gefahr drohen könnte.

„Ja, ja, ich komme gleich zu dir, bleibe ruhig“ argumentierte Jens ein wenig nervös und suchte nun angestrengt nach einem passenden Gegenstand, um seine Schwester aus ihrer misslichen Lage zu befreien.
Nach kurzer hektischer Suche fand er einen großen dicken abgebrochenen Ast, den er sofort an die Unfallstelle schleppte, um Jana zu helfen.

„Wo bleibst du denn, was machst du nur so lange“ schrie die Verunglückte vorwurfsvoll aufgeregt, „kannst du nicht mal was Vernünftiges sofort tun und mir hier raus helfen?“

Doch der große Ast reichte nicht aus, war nicht stabil genug und brach in mehrere Stücke. Der Versuch von Jens zu helfen, scheiterte kläglich.

Jetzt merkte Jana erschrocken, wie schwierig ihre Situation geworden war, denn bereits fast bis zu den Oberschenkeln eingesunken, kam langsam Panik auf und der Waldboden mit seinem heimtückischen Moor gab nach und immer weiter unbarmherzig nach.

„Hilfe, hilf´ mir doch, ich komm' hier nicht mehr raus, hilf' mir doch bitte, schnell, schnell, ich will hier nicht elendig ersticken ...“ schluchzte die kleine große Schwester nun in Todesangst.

Jens war verzweifelt und wusste nicht, wie er helfen sollte.
Auch hatte er das Handy zu Hause auf dem Schreibtisch liegen gelassen und weit und breit war keine Menschenseele, die eventuell helfen oder Hilfe holen konnte. Tausend wilde Gedanken rasten in seinem Kopf herum und wollten die überaus schwierige Situation nicht wahr haben.

In Panik rannte Jens hin und her und rief nun selbst gellend um Hilfe und wusste, dass niemand ihn hören würde ... welch` ein unbegreifliches Gefühl, seine Zwillingsschwester vielleicht sterben zu sehen und nicht helfen zu können.

Jana war in der Zwischenzeit starr vor Schreck und lähmender Todesangst. Ungläubig mit entsetzt aufgerissenen Augen verfolgte sie ihren langsamen Untergang.

Im Nachbarort war der einzige Sohn des Milchbauern am frühen Nachmittag zu einer großen Radtour zur Festigung seiner Kondition aufgebrochen.

Der wohlhabende Milchbauer, sein Vater, bewirtschaftete einen Hof mit fünfzig Milchkühen und hatte selbstherrlich bestimmt, dass sein einziger Sohn Felix früher oder später den Hof übernehmen und bewirtschaften sollte.
Doch Felix hatte ganz andere Pläne.
Er wollte kein Bauer sein und sich mit Ausmisten, Füttern, Melken, Tierärzten, und niedrigen Milchquoten herumschlagen. Jeden Morgen um halb fünf Uhr früh aufstehen und nie Urlaub und Ruhe haben.
Radrennfahrer zu werden war sein Bestreben und dafür trainierte er fleißig, so auch an diesem sonnigen Herbstnachmittag.
Groß, schlank, drahtig und sympathisch war er mit seinen siebzehn Jahren und sein hellblonder Schopf leuchtete in der kühlen Nachmittagssonne.

Mit seinem Mountainbike radelte er konzentriert und ausdauernd über Stock und Stein und war oft Stunden unterwegs, bevor er wieder den elterlichen Hof erreichte. Sein Vater sah dies aber gar nicht gern ...

Wie der Zufall es wollte, radelte Felix eine einsame Strecke durch den Wald und hörte plötzlich gellende Hilfeschreie von einer entfernten Lichtung.

Felix kannte die Zwillinge des Gastwirtes genau und als er näher kam, sah er mit Schrecken einen verzweifelten, hektisch gestikulierenden Jens und eine tief im Schlick stehende Jana, die schlotternd vor Todesangst und Hilflosigkeit bitterlich weinte.
“Was macht ihr beiden denn hier für Unsinn, warum seid ihr denn so leichtsinnig? Weiß doch jeder, dass hier rund um die Lichtung der Waldboden nicht stabil und heimtückisch ist, oder?“ schimpfte Felix laut von weitem, sauste heran und warf spontan sein geliebtes teures Mountainbike in den Schlick, um Jana ein wenig Halt zu geben. Beide Jungs zerrten dann mit aller Kraft an den Armen der Verunglückten, um die Kleine endlich in Sicherheit zu bringen.

Mit trockenem Humor und verschmitzt lächelnd meinte der erleichterte Retter Felix, „na liebes Mädl, in diesem Outfit kannst du aber keinen großen Schönheitswettbewerb gewinnen“ und umarmte das verängstigte Mädchen ganz fest, welches total schwarz verschmiert, schlotternd und klebrig, aber jetzt überglücklich nun vor ihm stand.

Jens konnte noch nicht fassen, dass der große Schreck, der unaussprechliche Albtraum nun gottlob vorbei war.

Seine Schwester Jana schluchzte und umarmte überaus dankbar und stürmisch beide Jungs, ihre Lebensretter.
Plötzlich war ihr bewusst geworden, dass sie nie wieder ihren kleinen Bruder als „klein“ bezeichnen würde. Er hatte dazu beigetragen, dass ihr letztendlich nichts Ernstes zugestoßen war.

Nach langem mühsamen Fußmarsch kamen die drei total dreckig und todmüde, aber glücklich zu Hause an. Der frühe Abend zeigte bereits Dunkelheit an.

Das Pilzgulasch mit Semmelknödel musste allerdings nun etwas warten, es war ja leider ein schwerwiegendes Ereignis dazwischen gekommen.

Felix hatte sein geliebtes Mountainbike trotz intensiver Suche nie wieder gefunden. Der heimtückische Moorboden hatte es verschlungen und nicht mehr freigegeben.
Er bekam aber ein neues schnelles Geländerad.

Gastwirt Thomas wollte sich auf diesem Wege herzlich bedanken für das kluge und mutige Vorgehen des Jungen. Felix hatte seine Tochter Jana aus Lebensgefahr gerettet und diese Tatsache würde er nie vergessen.