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Igelchen


© Vera Maria Lafrenz

 

Der ungemütliche Herbst hatte in Wald und Flur nun endgültig Einzug gehalten und die Waldtiere groß und klein waren damit beschäftigt, für ihren bevorstehenden Winterschlaf vorzusorgen. Fritz, das Igelchen, hatte sich eine wohnliche Baumstumpfhöhle ausgesucht und war nun emsig dabei, diese mit welkem Laub, buschigem Farnkraut und reichlich weichem Moos richtig gemütlich auszustatten.

Des Öfteren war schon ein neugieriges Spitzmäuschen vorbeigekommen, legte sein Köpfchen schief und beobachtete Fritzchens Winterschlaf-Vorbereitungen mit großem Interesse. „Oh, was bist du fleißig dabei, dein Winterhotel kuschelig zu machen, piep, piep, wird ja richtig urgemütlich ...piep“ wisperte das kluge kleine Spitzmäuschen anerkennend.

Auch die Schwestern Knusperinchen, die beiden hübschen, flinken, klugen Eichhörnchen, freuten sich über Fritzchens Gesellschaft und verscharrten fleißig gesammelte Eicheln und Nüsse als Wintervorrat in Igelbau-Nähe.

„He, ihr beiden hübschen Flinken, schnüff, schnüff, findet ihr eure vergrabenen Wintervorräte später auch wieder?“ rief verwundert Igelchen Fritz den fleißigen Eichhörnchen zu.

„Ja, ja, du wunderst dich vielleicht, aber wir wissen ganz genau unsere Verstecke und finden auch im strengen Winter alle unsere schönen Vorräte wieder, ist doch klar ...“ wisperten die hübschen Eichhörnchen-Schwestern stolz.

Der kleine Igel sehnte sich jetzt schon nach Frühlingssonnenschein, denn dann wollte er auf intensive Brautschau gehen und die hübsche Partnerin seines Herzens wählen.

Zuvor musste der niedliche Igelmann aber versuchen, seine Kondition dadurch zu stärken, dass er jetzt alles Fressbare, was ihm vor das Schnäuzchen lief, zu verzehren. Käfer, Ameisen, Regenwürmer, Larven, zwischendurch auch mal ein paar Samenkörner oder Beeren. Der kalte Winter würde lange genug dauern.

So schmatzte Fritzchen, der Nimmersatt, alle Leckerbissen lautstark und genussvoll mit triefendem Schnäuzchen in sich hinein, so wie es eben Igelart war, um für den Winterschlaf gut gerüstet zu sein. Igelchens Appetit war riesig!

Fritzchen war ja auch wirklich ein ansehnliches hübsches Igelmännchen!
Der kleine Kerl hatte ein beachtlich stechendes dunkles Stachelkleid, zierliche, trittfeste stabile Beinchen, kluge dunkle umsichtige Äuglein und sein Schnäuzchen, glänzend, klein, rund und schwarz war nicht zu übersehen.

Also ein stattliches Kerlchen, welches im kommenden Frühlings-Wonnemonat bei den Igeldamen sicherlich sehr gut ankommen würde.

An einem trüben Herbsttag, die Morgennebel hatten sich noch nicht gelichtet und lagen gespenstisch über dem feuchten Waldboden, war Fritzchen wieder auf Nahrungssuche. Emsig und ausdauernd krabbelte das Igelchen im dichten welken Laub herum, um wieder etlicher Leckerbissen habhaft zu werden.

Doch was war da plötzlich für ein ungewöhnliches Geräusch in seiner Nähe?

Zwei Jungs mit sportlichen Fahrrädern düsten fröhlich in voller Fahrt durch den Wald und oh Schreck, Fritzchen konnte nicht mehr rechtzeitig zur Seite hüpfen, wurde von einem Rad ein wenig gestreift, durch die Luft geschleudert und blieb mit gebrochenem Beinchen kläglich an einer Baumwurzel liegen.

Mit flottem Tempo und fröhlichem Hallo radelten die Beiden weiter, ohne etwas Ungewöhnliches bemerkt zu haben.

Nun lag Fritzchen wimmernd und leise wehklagend auf dem feuchten dunklen Waldboden und konnte sich nicht mehr richtig fortbewegen, verstecken oder in Sicherheit bringen. Sein gebrochenes Beinchen schmerzte ganz fürchterlich.

Was sollte nun werden, was war mit Fritzchens Winterbau und erwartungsvollen späteren Frühlingsplänen!
„Schnüff, schnüff, was tut mir mein Beinchen so weh. Was soll denn nun werden, wenn ich nicht mehr laufen kann und meinen Winterbau nicht erreiche, oh weh, wie geht es mir schlecht, schnüff ...?“ jammerte Fritzchen kläglich vor sich hin. Der kleine Igelmann war schmerzhaft verzweifelt und ratlos.

Kurze Zeit später lautes aufgeregtes Bellen ziemlich in Nähe des Unfallortes. Fritzchens Herz schlug ängstlich zum Zerspringen und das gebrochene Beinchen schmerzte ganz fürchterlich.

Jagdhund Waldmeister, der seit langer Zeit treue Begleiter des Revierförsters, hatte eine Spur aufgenommen. Fand, beschnüffelte und verbellte den kleinen verletzten Igel, der zwar schreckensstarr, aber sich nicht mehr einrollen und schützen konnte, wie ein Igel bei Gefahr dies tun würde.

„He, du großer unverschämter Hund, schnüff, schnüff, was bellst du mich so laut, böse und ausdauernd an“ beklagte sich Fritzchen erbost „ mir geht es gar nicht gut, schnüff, ich hatte einen Unfall, habe große Schmerzen und niemand will mir helfen ...“ jammerte weinerlich der kleine Igelmann.

„Wuf, wuf, sei doch froh, dass ich dich gefunden habe du undankbarer Kerl wuf. Mein Förster wird dir sicherlich helfen, wuf, er ist auch schon aufmerksam geworden. Meiner feinen Nase entgeht wirklich nichts, wuf, auch du nicht, wuf“ argumentierte Jagdhund Waldmeister voller Stolz und setzte seine feine Schnauze in den Wind ...

Revierförster Hofer war aufmerksam geworden, nachdem sein treuer Hund Waldmeister an Ort und Stelle bellte und bellte und trotz Zuruf und Kommando nicht mehr von der Stelle wich.

Jetzt sah Hofer, warum sein Hund so aufgeregt bellte, ein verletztes kleines Tier brauchte Hilfe. Kurz entschlossen nahm der Förster den kleinen Igel auf die Hand, legte in vorsichtig in ein Taschentuch, knüpfte die Enden zusammen, damit Fritzchen nicht rauspurzeln konnte und trug ihn behutsam und schnell zu seiner Familie nach Hause.
Der Stachelmann war sichtlich erleichtert und Fritzchen wusste nun, dass er in Sicherheit war und ihm gleich geholfen werden würde.

Die beiden Söhne des Försters waren sehr neugierig auf Vater´s Fund.
„Hallo Vater, was hast du denn in deinem Taschentuch eingewickelt mitgebracht? Ist es vielleicht ein kleines Tier, welches unsere Hilfe braucht?“
Sie bedrängten Vater und guckten aufgeregt und neugierig in das nun vorsichtig aufgeknüpfte Taschentuch.

„Oh, wie niedlich, ein hübscher kleiner Igel. Er hat ja ein gebrochenes Beinchen. Da müssen wir ja gleich erste Hilfe leisten“ riefen die aufgeregten Jungs wie aus einem Munde und waren sofort damit beschäftigt, Fritzchen das gebrochene Beinchen mit Zahnstochern zu schienen, zu desinfizieren und vorsichtig zu verbinden.
Der ältere Sohn wollte immer schon Tierarzt werden und hatte sofort die Pflege des kleinen Igels übernommen.

Beide Jungs suchten sofort im Keller nach einem passenden Karton für Fritz, damit der kleine Stachelmann es so gemütlich wie möglich haben sollte. Sie statteten sein Krankenzimmer nun mit Gras, Moos, Blättern, Stroh und Heu fachgerecht aus, denn sein Winterschlaf sollte nicht gestört werden, auch wenn dieser nun in einem Karton im Hause des Försters stattfinden musste.

Fritzchen war sichtlich erleichtert und sein kleines Igelherz schlug laut vor Dankbarkeit. Er war gerettet und sein Beinchen tat auch nicht mehr ganz so weh. „Schnüff, schnüff, was bin ich froh, mein Beinchen wird heilen und nach meinem Winterschlaf suche ich meine hübsche Auserwählte, schnüff, ich kann es kaum noch erwarten ...“ flüsterte leise gähnend, sehr müde und glücklich Igelchen Fritz vor seinem tiefen ausgiebigen Winterschlaf.
Zufrieden schlüpfte der Stachelige nun gemütlich unter all das Moos und Laub und ward nicht mehr gesehen.
Aber was war nun mit seiner hübschen Winterschlaf-Höhle, die er sich schon so schön und komfortabel ausgestattet hatte?
Nun wird wohl ein anderes kleines Waldtier diesen Komfort nutzen. Ärgerlich für Fritzchen, hatte sich der kleine Igelmann doch so viel Mühe mit der Ausstattung seiner Winterschlaf-Mulde gemacht!

Und wenn Fritzchen der kleine Igel nicht mehr schläft, sein Beinchen geheilt ist und endlich der liebliche Frühling Einzug gehalten hat in Wald und Flur, dann trippelt er sicherlich wieder geschäftig durch den Wald, flirtet mit der Igel-Dame seines Herzens und baut ein gemütliches Heim für Zwei!

Wollt ihr im nahen Wald nicht mal nachsehen, wo der kleine Stachelmann geblieben ist?