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Mäuschen


© Vera Maria Lafrenz

 

Nun wollte ich euch die Geschichte erzählen, die sich in einer unbedeutenden Schreinerei mitten in einer kleinen Stadt auf einem weitläufigen Hinterhof vor langer Zeit ereignet hat.

Der traurige und betagte Tischermeister Friedrichsen mit seinem Altgesellen Johann reparierten dort gebrauchte Möbel, Tische, Schränke, Stühle, Vitrinen, schnitten Bretter zurecht für Schrebergartenarbeiten und lebten mehr schlecht als recht von den wenigen Aufträgen, die in der kleinen Werkstatt zu erledigen waren.

Einen einzigen Lehrling, den Seppl, konnte Altmeister Friedrichsen anlernen. Bei den wenigen Aufträgen hatte Seppl nicht so viel zu tun und fegte daher oft die Werkstatt, um all die Sägespäne vom Hobeln, den Holzstaub und die Kleinholzreste aus den Arbeitsräumen zu entfernen.

In einem dunklen Nebenraum, der als Holzlager diente, war in einem kaum sichtbaren Wandloch eine große Mäusefamilie eingezogen, die Sägespäne und Holzstaub zum Ausstatten ihres Mäusebaus sehr gut gebrauchen konnte.

All die Mäuschen fühlten sich unbeobachtet und somit sicher, nachdem es in der Werkstatt weder Hund noch Katze gab.

Für die Mäusefamilie, die aus Mutter und sieben Kindern bestand, war es sehr beschwerlich, genug Nahrung zu finden. Mutter Maus konnte die Kleinen nicht auf Dauer alle säugen und musste versuchen, brauchbare Nahrung für ihren Nachwuchs von außen heranzuschaffen.

Deshalb erzählte Mutter Maus ihren Kleinen immer davon, so bald wie möglich selbständig zu werden und auf eigenen Beinchen zu stehen, um nicht der Familie früher oder später zur Last zu werden. „Wenn ihr ein wenig größer geworden seid,“ so Mutter Maus fürsorglich zu ihren Kleinen „dann müsst ihr eines Tages das gemeinsame Nest verlassen und selbst versuchen, Nahrung zu finden. Das ist nun mal das Gesetz der Natur! Piep, piep! Jetzt aber seid ihr allesamt noch viel zu klein ...“

Das winzige Mäusekind Cäcilia hatte besonders aufmerksam Mutters Worten gelauscht.

Cäcilia, das letztgeborene Mäuschen der sieben Geschwister, war auch ein besonders hübsches kleines Schnäuzchen. Nicht dunkelgrau sondern hellgrau im seidigen Fell und ein überaus niedliches Spitznäschen und Schwänzchen zierten die Kleine.

Die glänzenden schwarzen klugen Äuglein blickten erwartungsvoll in die bisher unbekannte graue Welt und ihre zierlichen Beinchen waren immer in Bewegung. Mutter Maus wusste, dass Altmeister Friedrichsen wie auch Geselle Johann und Seppl nicht immer alle ihre Frühstücks- und Mittagsbrote ganz verzehrten.

So blieben für sie und ihre Kinder doch brauchbare Essensreste, die sie dann heimlich und mühsam in ihren Mäusebau transportierte. Denn die Mäuschen waren doch noch ein wenig zu klein und unerfahren, um selbst unternehmungslustig und selbständig zu sein.

Nicht so Cäcilia! Die Kleine fühlte sich stark und auch erwachsen genug, um selbst auf Nahrungssuche zu gehen, um ihre Familie zu entlasten. „Mami Maus hat doch gesagt, piep, bald selbständig zu werden, wenn man ein wenig größer geworden ist, piep, piep. Ich bin doch schon groß genug oder?“ argumentierte die winzige Maus überzeugt, reckte und streckte sich gewaltig und versuchte, ihr hellgraues weiches Mäusefellchen zu schütteln, um größer und kräftiger auszusehen.

Selbständig und erwachsen zu werden war nun Cäcilias innigster Wunsch.

Es war an einem frühen Abend.

Die Werkstatt lag in der Dämmerung ganz still da. Für die fleißigen Schreiner war Feierbabend und die Arbeitsmäntel hingen an ihrem Platz in der kleinen freien Ecke der Arbeitsräume.

Cäcilia, das freche unternehmungslustige Mäuschen hatte heimlich und unbemerkt den gemütlichen Mäusebau verlassen und krabbelte das erste Mal alleine in der Werkstatt herum.

So groß und mächtig war alles rundum, so fremd und neu die Umgebung und überall der feine Holzstaub, dass die winzige Graue intensiv niesen musste.

Was Essbares war im Augenblick auch nicht zu finden, obwohl die kleine Maus intensiv suchte und schnüffelte.

„Mami hatte doch gesagt, piep, ich soll selbständig werden, aber so leicht ist dies gar nicht! Oh je, piep, wo ist denn nun was Leckeres zum Knabbern? Ich kann nirgends was zum Naschen finden, piep, piep! Alles so riesengroß und fremd rundum ...“

Das verunsicherte Mäuschen wurde plötzlich unglaublich müde.

Ein wenig ausruhen wollte Klein-Cäcilia, um später wieder zu ihrer Familie zurückzukehren.

Das kleine hellgraue Mäuschen suchte ein Plätzchen zum Schlafen und hangelte sich an einem Arbeitsmantel hoch, baumelte am Ärmel beängstigend in schwindelnder Höhe hin und her und rettete sich in letzter Sekunde vor dem Absturz in die Außentasche eines Arbeitsmantels. Die kleine Graue war so erschöpft, dass sie auf der Stelle in einen tiefen traumlosen Schlaf fiel. Dann lautlose Stille ...

Wenig später plötzlich Licht in der Werkstatt, Seppl war zurückgekommen. Er hatte Mutter versprochen, seinen Arbeitsmantel zum waschen mitzubringen, damit der Meister merkte, dass er auf sich achtete.

Nahm seinen Arbeitsmantel vom Haken, rollte ihn zusammen, steckte ihn in einen Einkaufsbeutel und verließ dann die Werkstatt ... wieder Dunkelheit und Stille.

Cäcilia schlief tief und fest und merkte nicht, dass sie sich ungewollt von ihrer Familie weit entfernte.

Was sollte nun werden, wenn der Arbeitsmantel gewaschen und Klein-Cäcilia sich nicht rechtzeitig retten könnte?

Seppl zu Hause angekommen – Mutter war noch nicht wieder da – rollte den Arbeitsmantel auf und wollte ihn in die Waschmaschine stecken. Dabei fiel ihm auf, dass da noch was komisch kleines Rundes in einer seiner Taschen zu sein schien. Aber er hatte doch seine Taschen schon gestern leer gemacht …

Der Lehrling griff in die Arbeitsmantel-Tasche und – was war das - ein lebendes kleines Wesen kam zum Vorschein, eine Maus, das konnte doch wirklich nicht wahr sein! „Was ist den hier passiert? Wie kommst du kleines Ding denn in meine Arbeitskleidung. Hast dich wohl verirrt oder?“ kommentierte Seppl überrascht und gleichzeitig ein wenig amüsiert.

Cäcilia war so sehr erschrocken und so unsanft aus ihrem Tiefschlaf geweckt worden, dass sie in der ersten Sekunde nicht wusste, wo sie war, was geschehen war und wieso sie urplötzlich so sehr in die Nähe von Schreinerlehrling Seppl kam.

Was sollte die kleine Graue nun schnell tun um zu beeindrucken?

Das Mäuschen spitzte aufmerksam seine kleinen niedlichen Ohren!

Mochte Seppl denn Mäuse?

Cäcilia erinnerte sich an Mutters Worte!

Die kleine süße Maus wusste, dass sie hübscher war als ihre Geschwister. Ihre Mutter hatte dies immer betont, jetzt musste eben ihre Schönheit und ihr Charme bei Seppl Wirkung zeigen!

Der verdutzte Schreinerlehrling hatte das Mäuschen auf seiner Handfläche sitzen, guckte ganz erstaunt und wusste nicht, was er mit der kleinen Grauen anfangen sollte. Cäcilia aber war klar, dass jetzt ihre große Stunde gekommen war und fing an, auf zwei Beinchen herumzutanzen, ihr Schwänzchen im Takt wippen zu lassen, rollte ihre klugen glänzenden Schwarzäuglein und streckte das kleine Spitznäschen, so hoch es nur ging, frech in die Luft.

„He Seppl, guck´ doch mal, bin ich nicht niedlich und sehenswert, piep, so klein, klug und hübsch wie ich bin ...“ piepte die kleine freche Graue in den höchsten Mäusetönen.

Seppl musste herzlich lachen, fand das winzige Mäuschen so niedlich, dass er den Entschluss fasste, die kleine Freche als Haustier zu behalten.

Cäcilia bemerkte sofort Seppls Begeisterung und wusste, dass sie gewonnen hatte.

Die kleine kluge Maus war mit sich zufrieden und leckte mit spitzem flinkem Zünglein voller Überzeugung stolz ihr glänzendes Schnäuzchen.

Seppl kaufte am nächsten Tag einen geräumigen Laufstall, ein Tretrundrad, stattete ihren neuen Lebensraum mit Streu und Holzmehl wonnig gemütlich aus und es gab für Cäcilia die leckersten Köstlichkeiten, die sich ein kleines Mäuseherz nur wünschen konnte.

Lange Zeit waren Seppl und Cäcilia ein Herz und eine Seele.

So hatte die kleine Maus doch das mahnende Wort ihrer besorgten Mutter, bald selbständig zu werden, doch gut in die Tat umgesetzt.

Meint ihr nicht auch?