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Peterle


© Vera Maria Lafrenz

 

Die ereignisreiche Begebenheit – von der ich nun erzählen will -  ist schon viele lange Jahre her ... aber vielleicht immer noch zum Schmunzeln!

Es war einmal ein hübsches Städtchen im Vorfrühling, mit einer stattlichen, mittelalterlichen Kirche, rundum  puppigen Häusern aus alter Zeit mit engen Strassen und verträumten Gassen und das viel versprechende Frühlingslüftchen mit sanftem duftendem Hauch zog sehnsüchtig durch die kleine Stadt.

Es war Mitte April, die Natur war zu neuer Pracht erwacht und das Alltagsleben ging seinen ruhigen gewohnten Gang. Wohltuende Harmonie strahlte diese kleine Stadt aus, aber hinter den Fassaden gab es trotz alledem kleinere und größere Probleme. Von einem dieser Problemchen wollte ich berichten!

Am verträumten Stadtrand stand ein hübsches Haus mit angrenzendem gepflegten Garten. Dieses Anwesen war seit langer Zeit Eigentum der Familie Leitner. Das liebe, nette Ehepaar war nunmehr pensioniert, genoss seinen wohlverdienten Ruhestand und verbrachte viel Zeit mit Arbeiten im hübschen großen Garten, der zu ihrem Haus gehörte und ihr ganzer Stolz war. Es blühte und grünte auch schon fleißig, der Frühling wollte endlich kommen!
 
Ein paar glückliche Hühner, Enten, Gänse und zwei Katzendamen bevölkerten die kleine, fast ländliche Idylle der Leitner´s, und der Kirschbaum trug jetzt schon volle, wunderbare Blüte.
               
Die Schwalbenpaare waren wieder aus dem Süden zurückgekehrt und alle
Nester unter den Dachfirsten des Leitner-Hauses waren besetzt. Die Schwalbenmütter brüteten - wie jedes Jahr – fleißig, liebevoll und ausdauernd,
bald würde der Nachwuchs schlüpfen …

An einem milden Frühlingsabend machten Leitner´s nach dem Abendessen noch einen kleinen Spaziergang. Sie wollten die wunderbare Frühlingsluft genießen, merkten aber unterwegs mit Bedauern, dass ein starkes Gewitter aufgezogen war und urplötzlich böiger Wind, drohende Gewitterwolken und erste große Regentropfen zur Heimkehr mahnten.
So schnell die Füße trugen, liefen die beiden Spaziergänger nach Hause und Blitz, Donner, Wind und starker Regen begleiteten sie.
                    
Mutter Leitner hatte das Gefühl, dass sie ein kleiner, dunkler Schatten verfolgen würde und nah bei ihr war. Aber jedes Mal, wenn sie sich umdrehte, war nichts zu sehen, hatte sie sich geirrt, war es nur der intensive Regenschauer? Das plötzlich hereingebrochene Gewitter ließ keine Zeit zum Suchen oder Ergründen …

Nach einer unruhigen Nacht mit starkem Regen und drohendem Donnergrollen folgte ein herrlich strahlender Morgen und Mutter Leitner wollte frühmorgens, wie jeden Tag, ihr Federvieh füttern, als sie vor den Stufen ihres Hauses einen entkräfteten, durchnässten schwarz-weißen Kater entdeckte.
Sollte dies der Schatten von gestern Abend gewesen sein?
Mieze sah jämmerlich aus und miaute leise und kläglich.

Die Hausherrin war immer schon große Tierfreundin gewesen.
Behutsam nahm sie den Kater hoch und trug ihn in die Stube, säuberte und trocknete ihn, gab ihm zu fressen und zu saufen. 

Dankbar ließ der Schwarz-Weiße diese Huldigungen über sich ergehen und schlief danach tief und fest den ganzen Tag in einer gemütlichen Ecke des Hauses. Im Halbschlaf fing er leise an zu schnurren … streckte ausgiebig und zufrieden all seine Pfoten und schlief, schlief und schlief …
 
Susi und Siggi, die beiden hübschen Katzendamen beäugten und beschnupperten den Neuankömmling misstrauisch und waren von seiner Anwesenheit gar nicht begeistert.
Als später dann der schwarz-weiße Kater ausgeschlafen, trocken, satt und sichtlich zufrieden war, konnte man sehen, welch´ einen Prachtkerl er verkörperte.
Nicht einmal ein Jahr alt, jung und dynamisch, schlau und glänzend im Fell,
so präsentierte er sich wenig später den Katzendamen und Leitner´s.
Seine durchdringenden, klugen, grünen Augen glänzten nachts wie Smaragde und seinem scharfen Blick entging nicht das kleinste Detail. Seine Schnurrhaare waren extra lang, seidig und ertasteten jedes Staubkorn.
Katers Brust und Schwanzspitze waren weiß gezeichnet, ansonsten strahlte er in glänzendem Schwarz.
Ein Prachtkerl also von der Ohr- bis zur Schwanzspitze ...
Der Schwarz-Weiße bemerkte mit Freude, nun ein neues, hübsches Zuhause gefunden zu haben - Leitner´s nannten ihn liebevoll Peterle - und jetzt wollte er umgehend sein neues Heim auch ganz in seinen Besitz bringen.

Die beiden schüchternen Katzendamen wurden erstmal durch Haus und Garten gejagt, keine Ruhepause war ihnen vergönnt. Bösartig wurden sie angefaucht
und von den Fressnäpfen ferngehalten, so gut es eben ging und schon gar nicht ins Haus gelassen. Er, der schwarz-weiße Kater war ja jetzt da …

Peterle der Kluge, er saß lauernd in der Waschmaschine zwischen schmutziger Wäsche und harrte ruhig der Dinge, die da kommen sollten zum Entsetzen von Mutter Leitner.

Er verkroch sich vergnügt im ausgekühlten Holzofen in der weichen, grauen Holzasche. Wenn er dort nicht mehr sitzen mochte, tapste er mit dicken, schmutzigen Pfoten stolz durch die große Stube und hinterließ weit sichtbare, staubige Aschespuren.
Auch waren die geordneten Holzstapel vor dem Haus sein Revier. Dazwischen zu kriechen und das liebevoll gestapelte Holz des Hausherrn durcheinander zuwerfen wurde seine besondere Spezialität ...

Der schwarze Schlaue, er fegte über den gedeckten Tisch, warf die volle Fleischplatte auf den Fußboden, zerrte an der Tischdecke und wenn Leitner´s händeringend und schimpfend ins Zimmer kamen, raste er über die Schränke, turnte zum Fenster und verschwand im Garten.

Gerne saß Peterle auf dem Küchenschrank und sprang urplötzlich mitten in das schmutzige Geschirr, dass es rundum klirrte, fegte blitzschnell durchs Haus, riss die schöne Bodenvase um, die dann, in tausend Scherben zersprungen, den Flur schmückte.

Mutter Leitner konnte das schwarze Schlitzohr - wenn ihm danach war - auch im Kühlschrank  wieder finden. Sich dort zu verstecken war zwar sehr kühl aber auch abenteuerlich und spannend.

Peterle´s schönstes und größtes Vergnügen war es aber, das Federvieh zu jagen und Angst und Panik zu verbreiten. Wollten doch Hühner, Enten und Gänse nicht gebissen oder gar gefressen werden.

Mutter und Vater Leitner waren zuerst enttäuscht über Kater´s Ungezogenheit, hatten sie ihn doch so liebevoll aufgenommen. Jetzt aber, nach all´ den unangenehmen Zwischenfällen und Bösartigkeiten waren beide verzweifelt, ratlos und jetzt auch wirklich böse.

Das ruhige, beschauliche Leben mit Federvieh und den beiden Katzendamen war nicht mehr gegenwärtig, der Haussegen hing schwerwiegend schief und Susi und Siggi schlichen verstört und traurig auf leisen Pfoten im weiten Bogen ums Haus.
                
Was sollten die katzenfreundlichen Hausherren nun tun, um den schlimmen unausstehlichen Kater zur Ordnung zu rufen?
Guter Rat war wirklich teuer und Leitner´s diskutierten oft stundenlang, was nun zu tun wäre.
Wenn Besuch im Hause war, zeigte sich Peterle von seiner charmantesten und schmusigsten Seite. Er war artig, lieb und anschmiegsam, schnurrte ausgiebig und alle Freunde, Nachbarn und Gäste waren von seiner liebenswürdigen Art und seinem hübschen Aussehen ganz begeistert und angetan.
Nicht so Leitner´s …
Aber wehe, der Besuch hatte sich verabschiedet, ging das verrückte und ungezogene Spiel mit Ausdauer weiter!

Mutter Leitner wurde nun ernsthaft böse, schimpfte laut und ermahnte ernstlich ...“so kann es nicht weitergehen, du unausstehlicher Kerl, ich will deine Unarten nicht mehr dulden. Du schüchterst meine Katzen ein und jagst bösartig mein Federvieh. Was bist du bloß für ein unverschämter, undankbarer und frecher Kater!“
Peterle zeigte dann einen gekonnten Katzenbuckel, tobte munter weiter und dachte gar nicht daran, auf die ernste Ermahnung der Hausherrin zu hören.

Als der freche Störenfried einige Tage später auf dem Hausdach balancierte, abrutschte und durch den Kamin in die glühende Asche des Holzofens fiel, war die Geduld der Hausherrin am Ende.

Mutter Leitner packte den Schwarz-Weißen am Kragen und warf ihn im hohen Bogen wutentbrannt vor die Tür, sperrte ihn aus und verweigerte ab sofort Futter und gemütliches Heim. Sie hatte endgültig genug von seinen frechen,
hinterhältigen Unartigkeiten.
 
Als Susi und Siggi bemerkten, der freche Kater – endlich in Ungnade gefallen - wurde weggejagt, waren beide sichtlich erleichtert und wagten sich wieder ins Haus.         
So kehrte wieder Frieden ein in Haus und Garten, doch Mutter und Vater Leitner war irgendwie schwer ums Herz. Sie hatten den verrückten, ungehorsamen Kater tief in ihr Herz geschlossen …wo würde er jetzt wohl bleiben?
Drei Tage war Peterle nun wie vom Erdboden verschluckt und Leitner´s atmeten ein wenig auf, jetzt käme er wohl nicht mehr zurück und würde sein Unwesen bei einer anderen Familie treiben!

Das Frühlings-April-Wetter wurde in diesen Tagen unbeständiger, stürmisch und nass. Der April zeigte sich nun von seiner ungemütlichen Seite.
An einem dieser nassen, stürmischen Apriltage saßen Leitner´s in ihrer gemütlichen Stube bei Kaffee und Kuchen und sprachen über ihren Sohn, der in London studierte und nur selten zu Besuch kam.
Auch Peterle, der Unausstehliche, wurde erwähnt. Leise bemerkte Mutter Leitner......“er war ja wirklich höchst unfolgsam und auf Dauer nicht zu dulden, aber eigentlich schade. Der Schwarz-Weiße war so ein hübscher, kluger Kerl und mir wirklich ans Herz gewachsen …“
Die Hausfrau ließ nachdenklich den Kopf hängen, war traurig und wischte sich heimlich eine große Träne aus dem Augenwinkel.

Plötzlich lautes, durchdringendes Miauen und Kratzen an der Eingangstür.
Was war los?
Peterle saß nass und struppig vor der Tür mit einem Schwalbenkind im Maul. Das kleine Schwälbchen war bei Wind und Regen aus dem Nest gefallen und der Kluge hatte es durchnässt, verängstigt und mit gebrochenem Flügel auf dem Hofplatz entdeckt.
Zärtlich und vorsichtig hatte der Kater das kleine Vogelkind ins Maul genommen und als Leitner´s öffneten, legte er das ängstlich laut piepende Schwälbchen außerordentlich behutsam auf die oberste Stufe vor die Eingangstür.
Mutter Leitner hatte nun noch mehr Tränen in den Augen … sollte dies ihr Peterle sein?  Hatte er das Schwalbenkind wirklich gerettet vor weiterem Unheil?
Normalerweise hätte eine Katze eine Schwalbe mit Genuss verspeist, nicht so Peterle. Das Schwälbchen hatte einen gebrochenen Flügel und sollte ärztlich versorgt werden und der kluge Schwarz-Weiße wusste das ganz genau.

Schüchtern und geduckt schlich der Kater durch die offene Haustür in den Flur und guckte interessiert zu, wie das Schwalbenkind versorgt wurde. Durfte er denn nun bleiben? Hatte er bewiesen, dass er auch vernünftig sein konnte?
Leitner´s waren gerührt. Der hübsche, kluge Kater, er war ja nun Lebensretter, ein kleines Schwalbenkind verdankte ihm sein Leben. Er durfte bleiben!

Ab diesem Tage war Peterle nicht mehr wieder zu erkennen!
Er ein mustergültiger Kater, nett und umgänglich zu den beiden Katzendamen wie auch zum Federvieh zurückhaltend und manierlich. Auch bösartiger Schabernack und schlimme Streiche waren ihm ab diesem Tage fremd.
Der kluge Kater hatte eingesehen, dass er es wirklich zu weit getrieben hatte mit seinen Bösartigkeiten.   
                                         
Immer, wenn Leitner´s einen Spaziergang machten, war Peterle in ihrer Nähe.
Er ließ seine geliebten Eltern nicht mehr aus seinen hübschen grünen Katzenaugen.
Nie wieder wollte er in Ungnade fallen und sein schönes neues Zuhause verlassen müssen. Er hatte nun endlich seine Lektion gelernt ...