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Der erste Schwarm


© Vera Maria Lafrenz

 

Immer schon, so lange ich denken bzw. lesen konnte, schwärmte ich für die Erzählungen der Nibelungen. In jungen Jahren hatte Oma mir ein ziemlich betagtes großformatiges Buch über die Geschichten der Nibelungen geschenkt. Mit heißem Kopf und pochendem Herzen las ich von Siegfried, Kriemhild, Hagen von Tronje, Brunhilde, Gunther und von bösen Intrigen, brennender Eifersucht, ewiger Liebe und heimtückischem Tod ...

Die Erzählung von Siegfried, dem Drachentöter, seine Jugend, Liebe und Tod hatten mich
fasziniert. In der achten Klasse sollten wir ein Referat ausarbeiten, welches wir frei sprechend vor versammelter Klasse vorzutragen hatten, Thema war freigestellt.

Ich entschloss mich, über Siegfrieds Jugend, Liebe und Tod zu referieren.
Da merkte ich das erste Mal, welche Faszination und Einflussnahme gute Sprache und spannender Text ausüben konnten. Meine Mitschülerinnen waren sprachlos, meine Lehrerin sehr mit mir zufrieden ...

Ich träumte sogar von meinem Helden, stark, groß, schön, blond, sportlich und vor allem unerschrocken, kraftvoll und tapfer, Siegfried war mein ganz großer Held und Schwarm.

In den Ferien Ende der 50iger Jahre fuhr ich mit meinen Eltern an einen kleinen See in Urlaub, wo wir uns in Ruhe erholen, schwimmen, Boot fahren, sonnen, Rad fahren und wandern wollten.
Nachdem ich immer schon eine fleißige begeisterte Wasserratte war, verbrachte ich die meiste Zeit am See oder mitten drin in den herrlich weichen warmen Wellen.

Neben dem kleinen Hotel mit Badestrand war ein ansehnlicher Ruderclub angesiedelt, wo Jungs und Mädchen in Einer- und Zweier-Kajaks ihre Ruderkünste zeigten und fleißig trainierten, teils mit teils ohne Trainer.

Neugierig, wie ich war, verfolgte ich die sportliche Jugend und plötzlich war ich wie vom Blitz getroffen und konnte die Blicke von einem jungen Mann nicht mehr wenden, der groß, schlank, blond, gut aussehend und sehr sportlich mit seinem Einer-Kajak daherkam, diesen ins Wasser setzte und mit kräftigen Ruderstößen den See eroberte.
Ich konnte es nicht glauben, war wie im Traum. Er war da, mein Siegfried, der große Held des Nibelungenliedes, stark, schön, lebensnah aus Fleisch und Blut ...

Als kleine Göre mit 14 war ich urplötzlich unglaublich verknallt und jede freie Minute in den nächsten Tagen am See ... mein Held hatte mich nicht mal bemerkt und diskutierte eifrig mit seinen sportlichen Kollegen und ruderte mit ihnen um die Wette ...

Doch eines frühen Nachmittags war mein schöner schwärmerischer Traum geplatzt.
Eine langbeinige hübsche junge Rothaarige kam in den Ruderclub und umarmte und küsste zärtlich „meinen Siegfried“.
Mein schwärmerisches Herz war sofort sehr angeschlagen und tat unglaublich weh.
Die erholsamen träumerischen Ferien waren urplötzlich zu Ende, ich wollte nur noch nach Hause ...