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Stille


© Vera Maria Lafrenz

 

Es war einmal ein müder alter Mann, an dem das pulsierende Leben nunmehr endgütig vorbei gegangen war und er sich nach langen geplagten Jahren des Arbeitslebens einsam, ausgebrannt und verlassen fühlte.
Er wollte nicht mehr am alltäglichen Stress, unerträglichem Lärm und quälender, unübersehbarer Hektik teilhaben, er wollte Ruhe und Stille, zu sich kommen nach all den Jahren der Unruhe, Lebensangst und unermüdlicher Arbeit.

Seine Familie hatte ihn kläglich im Stich gelassen. Seine Frau war schon vor Jahren mit einem anderen Mann ins Ausland gegangen und seine einzige über alles geliebte Tochter war weit weg verzogen und mit einem Partner zusammen, den der alte Mann nicht akzeptieren konnte. Er verstand die Welt nicht mehr ...

So war der alte Mann - wollen wir ihn Erik nennen - alleine geblieben in der großen, lauten und unbarmherzigen Stadt, in seiner kleinen bescheidenen Wohnung mit nur den notwendigsten Dingen des Alltags. Erik war sehr bescheiden, still, unauffällig und betrübt in seinem Herzen, er konnte dem späten Leben keine positiven Augenblicke mehr abgewinnen.

Einen großen Wunsch hatte Erik noch, bevor sein flackerndes Lebenslicht früher oder später verlöschen würde. Er wollte die absolut befreiende, innerlich beglückende Stille suchen, die er im Laufe seines langen Lebens noch nicht gefunden hatte, obwohl er sich so sehr und innig danach sehnte.

Es hielt ihn nun nicht mehr in seinen engen vier Wänden in der lauten, herzlosen und staubigen Stadt. Eine schmerzlich drängende Unruhe trieb ihn hinaus.
Leise und wortlos verließ er seine Stadt, die ihm schon lange nichts mehr geben konnte wie Geborgenheit, Glück, Sicherheit oder Zuversicht.
Er wanderte ins Ungewisse mit einem unerklärlichen Klopfen und Brennen im Herzen. Erik konnte die Situation nicht erklären, nur intensiv fühlen.

Er stand an der Autobahn und konnte nicht fassen, welch unaufhörliches Sausen und Dröhnen an sein Ohr drang. Die Lkw- und Pkw-Kolonnen wollten kein Ende nehmen und drohten ihn zu überrollen. Erik war der Verzweiflung nahe.
Er flüchtete schnellen Schrittes und war nach längerer mühsamer Wanderung am Meeresstrand angekommen.

Erik saß müde mit verschleiertem Blick im kühlen feuchten Sand und das
unaufhörliche gleich bleibende Wellenschlagen gegen Felsen am Strand, die stetig rauschende Brandung störten sein sensibles Ohr.

Der intensiv säuselnde Wind zusammen mit den laut kreischenden Möwen, die ausdauernd über den ewig unruhigen Wellen tanzten, waren ungewohnte Laute, wieder nicht die ersehnte Stille!

Der verzweifelt Suchende flüchtete in die Berge. Erklomm mit viel Mühe und letzter Kraft den höchsten Gipfel, stand erleichtert in schwindelnder Höhe und ließ sich dann erschöpft und traurig zu Boden sinken.

Laut schreiend und aufgeregt flatternd umkreisten Bergdohlen seinen Ruheplatz, scharfer Wind wehte über dem erklommenen Gipfel, ein herrliches Echo war in der Ferne zu hören und intensives Glockengeläut der auf den Almen grasenden Kühe wehte herüber. Erik hatte seine ersehnte Stille immer noch nicht gefunden.

Nach kurzer Rast verließ er verdrossen seinen Ruheplatz, wanderte in den tiefer liegenden angrenzenden Wald und war nun zu erschöpft, um noch weiter nach seiner ersehnten Stille zu suchen.  Mutlos setzte er sich auf einen großen bemoosten Stein neben einem kleinen Bach, der munter talwärts plätscherte.

Intensives Wasserrauschen war zu vernehmen. Ein Buntspecht verschwendete seine jugendliche Kraft an einem harten Baumstamm, sein hartnäckiges,
ausdauerndes Pochen war weitum zu hören, dazwischen munteres Vogelgezwitscher ...
Der kühle Abendwind rauschte viel versprechend und geheimnisvoll in den hohen Wipfeln der dunklen Tannen und ein Käuzchen ließ seinen durchdringenden lockenden Ruf hören und erinnerte daran, dass der Abend langsamen Schrittes herankam.

Erik fühlte sich trostlos, hielt ganz fest Augen und Ohren zu und wollte überhaupt nichts mehr sehen und hören. Wo war denn bloß seine sehnsüchtig herbeigesehnte  Stille, die er so sehr suchte, vermisste und bisher, trotz intensiver Suche nicht finden konnte, geblieben?

Plötzlich leuchtete eine helle silberne und strahlend schöne Gestalt in seiner Nähe, die langsam und freundlich lächelnd näher kam.
Erik war wie verzaubert, von den hellen Strahlen geblendet und konnte nicht  glauben, was er sah.
„Wer bist du, geheimnisvolle Unbekannte, so strahlend schön und leuchtend wie du bist?“  fragte Erik leise und konnte seine ungläubig großen Augen von der silbernen unwirklich strahlenden Gestalt nicht abwenden.

„Du hast mich doch so sehr vermisst und verzweifelt ausdauernd gesucht, nun bin ich zu dir gekommen, ich bin die Stille! Mühselig und lange war doch bisher deine vergebliche Suche…“
Der alte Mann war erstarrt und geblendet von all der strahlenden Schönheit, Herzenswärme und wundersamen Ruhe, die von dieser unwirklichen Gestalt auf ihn überzuströmen schien.

„Wenn du mich bei dir für alle Zeiten aufnehmen willst…“ sprach die silberne wunderschöne Erscheinung leise, „dann muss dein fordernder Körper wie deine geplagte Seele in  harmonischem friedlichem Gleichklang miteinander leben, dann werde ich immer bei dir sein und dir innere Zufriedenheit, Herzenswärme, wunderbare Ruhe und sonniges Glück bescheren ...“

Nach dieser geheimnisvollen Botschaft zerflossen all die herrlich silbernen Strahlen langsam und unaufhörlich.
Die wunderbar glänzende Stille hatte sich in die Unendlichkeit verabschiedet und nur ein kleiner leuchtend blinkender Punkt in der Dämmerung war von dieser märchenhaften Begegnung zurückgeblieben.

Dem alten Mann wurde plötzlich leicht ums Herz. Er war nicht mehr müde, nicht mehr traurig, nicht mehr mutlos, nicht mehr einsam.
Eine unerklärliche warme Leichtigkeit hatte ihn erfasst.
Ruhig und entschlossen, von innerer Ruhe beseelt, kehrte Erik unauffällig, so wie er vor nicht allzu langer Zeit gegangen war, in seine Stadt, in seine kleine
bescheidene Wohnung zurück.

Als der Heimgekehrte in der Tür stand, kam ihm seine so schmerzlich vermisste Tochter entgegen und umarmte voll inniger Herzlichkeit ihren alten Vater.
Sie hatte sich nach langen hartnäckigen Streitereien von ihrem unzuverlässigen Partner getrennt und war in die Stadt ihres Vaters zurückgekehrt in der Absicht, die Familienbande wieder zu festigen und ihrem alten Vater beizustehen.
Vater und Tochter wurde nun plötzlich bewusst, wie viel sie sich doch noch zu sagen und zu geben hatten.

Die kurze märchenhafte Begegnung mit seiner so sehnsüchtig gesuchten Stille hatte Erik die tiefe innere Ruhe gegeben, die er für seinen Lebensabend so sehr herbeigesehnt hatte.