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Tilly


© Vera Maria Lafrenz

 

In einer kleinen Stadt in Colorado in den Vereinigten Staaten lebte einst ein kleines Mädchen namens Tilly mit ihren Eltern und Bruder Tom. Eigentlich war die Kleine ein unscheinbares nettes Mädchen mit roten lockigen Haaren, vielen lustigen Sommersprossen und einer frechen Stupsnase. Das Auffallende an ihr, sie war ein unverbesserliches Schlemmermäulchen und konnte das heimliche intensive Naschen nicht lassen.
So wie alle Kinder in dieser Gegend, liebte auch Tilly schnelles fettes Essen bei McDonalds oder Burger King, das sogenannte fast food und viel Süßes, Torten, Kuchen und Eis, aber auch Popcorn, Schokokekse und Knabbereien aller Art ...

So oft es möglich war und sie sich unbeobachtet fühlte, schlemmerte Klein-Tilly und stopfte sich mit Köstlichkeiten oder fast food voll. Ihre Mutter sorgte sich um das Schlemmermäulchen, wohin sollte dies auf Dauer führen? Mitschüler, die sie zufällig außerhalb der Schule traf, beschimpften sie schon ausdauernd als „fette Qualle“ „Schlemmerkugel“ oder „Fressmaschine“ ...

Durch Tillys Sucht, ohne Pause schlemmern zu müssen, blieb es natürlich nicht aus, dass die Kleine immer dicker und runder wurde und die Eltern ihr ernstlich ins Gewissen redeten, doch weniger und fettarm zu essen, nicht so viel zwischendurch zu naschen und mehr Sport zu treiben und Rad zu fahren.
Mutter und Vater wollten doch stolz sein auf ein hübsches, kluges und schlankes Mädchen, doch die kleine Dicke konnte und wollte all den süßen, sauren und salzigen Versuchungen nicht widerstehen. Trotzig überhörte sie die Ermahnungen ihrer besorgten Eltern.
In der Schule wurde sie nur noch „die Fettkugel“ genannt und ihre frechen Schulkameraden lachten und spotteten über ihre überaus runde Figur.
Zurufe wie ... „he, fettes Quallentier, warum schwimmst du nicht endlich weg ...“ oder ... „hi, schöne Tilly, wir haben dir eine superbreite Sitzbank reserviert, dein Stuhl ist ja zwischenzeitlich Kleinholz ...“ oder „... hier sind neue Jeans für dich, erinnern eigentlich schon an einen riesigen Kartoffelsack ...“ nahm Tilly mit Gleichmut hin. Hohn und Spott störten Tilly bisher nicht sonderlich.

Auch ihr Bruder Tom konnte es nicht lassen sie zu hänseln, zu verspotten, lächerlich zu machen, wenn sie ein wenig Sport treiben oder er sie zum Radfahren überreden wollte. Doch eines Tages wurde Tilly urplötzlich schmerzlich bewusst, wie fett sie geworden war. Sie fing an, sich zu hassen, ihrem Spiegelbild aus dem Wege zu gehen ... ihre Bewegungen wurden schwerfällig, tapsig und ihre Kleidung wollte rundum auch nicht mehr passen und drückte an allen Ecken und Enden ganz schrecklich!
Die Eltern waren in großer Sorge … aber ratlos … wie sollten sie ihrer fetten aber unbelehrbaren Tochter helfen? Ärztlichen Rat lehnte die kleine Dicke strikt ab ...

Tilly fing an zu leiden, wurde depressiv, ärgerlich und manchmal auch aggressiv.
Mit der Zeit war das kleine Schlemmermaul so dick geworden, dass sie mehr rollte als dass sie ging. Spott, Hohn und schadenfrohes Gelächter der frechen Klassenkameraden fand sie nun doch sehr kränkend und oft weinte sie heimlich, wenn sie alleine war.
Sie wurde noch stiller und trauriger, schwänzte des Öfteren die Schule und ihr Frustnaschen verstärkte sich. Tilly konnte sich einfach nicht dagegen wehren.
Sie war deshalb oft alleine, hatte keine Freunde mehr und naschte dann aus Kummer noch ein wenig mehr, denn all die süßen und sauren Köstlichkeiten trösteten wenigstens ein wenig über all den Ärger und Frust hinweg ...

Mit einer einzigen Freundin, der hübsche Melanie, hatte Klein-Tilly noch Kontakt.
Oftmals war sie mit ihr unterwegs gewesen. Die beiden erzählten sich dann alle kleinen und großen Sorgen, Neuigkeiten über Computer- und Handy-Spiele, spannende Bücher, freche Jungs aus der Klasse, Tratschereien aus dem Freundeskreis und der Nachbarschaft. Das wichtigste Gesprächsthema allerdings war jetzt das Figurproblem von Tilly. Gemeinsam wollten sie versuchen, eine schnelle Lösung für die kleine, frustrierte, unglückliche Dicke zu finden.

Melanie hatte gelesen, dass Fitness-Sport, besonders Radfahren und Schwimmen gut für die Figur wären und man schnell abnehmen könnte, wenn man intensiv daran arbeitete und dabei auch noch ein wenig fastete.
So beschlossen die beiden Mädchen, gleich mit Sport zu beginnen und Melanie wollte Klein-Tilly unterweisen, wie sie am besten von ihren nunmehr vielen vielen überflüssigen Pfunden wieder loskommen könnte – durch intensives Schwimmen.
Zuerst aber wollte das Schlemmermäulchen alleine ausprobieren, wie sich das intensive Schwimmen anfühlte ... Tilly war nunmehr fest entschlossen, ihrer fülligen Figur den Kampf anzusagen. So wollte sie nicht mehr weitermachen ...

Eines späten Nachmittags, sie hatte wieder gesündigt und heimlich eine riesige Portion Eis genascht, stapfte Tilly langsam, traurig, schwerfällig und alleine zum Fluss, der am Stadtrand vorbeirauschte, setzte sich ans Ufer und guckte verträumt, mit Tränen in den Augen, in das flott vorbei fließende Wasser.
Was sollte sie bloß tun? Sie wollte nicht mehr so dick sein und nicht mehr das ewige Predigen der Eltern und das kränkende Gespött der Schulkameraden ertragen müssen, also schwimmen, schwimmen, schwimmen ...
Viel Sport treiben und nicht mehr so oft schlemmern und naschen ...
Diese guten Vorsätze waren aber alle so schrecklich schwer durchführbar.
Tilly seufzte aus tiefstem Herzen, schloss die Augen und wollte träumen von einer schlanken glücklicheren Zukunft.
Den vorbeischwimmenden Fischen groß und klein, die sich in dem fließenden Gewässer befanden, stockte der Atem. Sie sammelten sich trotz starker Strömung zu einem großen Schwarm, schlugen aufgeregt mit ihren Schwanzflossen hin und her und guckten alle wie gebannt auf Tilly, die mit geschlossenen Augen verträumt am Flussufer saß. So eine große menschliche Kugel hatten all die Fische noch nie gesehen. Aufgeregt glucksend schwammen sie immer im Kreis herum ...
„ ... glucks, glucks ... guckt schnell ans Ufer, dort ist ein wunderliches kugelrundes Menschenkind zu sehen, mehr breit wie hoch, glucks, glucks ... Kann sicherlich gut schwimmen, ohne sich anzustrengen, ist ja ein richtiger Ballon ... glucks, glucks ...“ raunten sich die Fischlein belustigt gegenseitig zu!
Die kleinen und großen Silberpfeile tuschelten, kicherten und schnappten ganz aufgeregt nach Luft!
Tilly schlug die Augen auf, merkte mit Entsetzen, dass jetzt sogar die Fische über ihr Aussehen tuschelten ... es war schrecklich ... das Schlemmermäulchen war der Verzweiflung nahe!
Die kleine unglückliche Dicke konnte all den Hohn und Spott nicht mehr ertragen!

Kurz entschlossen - unter Tränen - stürzte sie sich in die Fluten und wollte schwimmen, schwimmen und schwimmen, so lange, bis sie wieder schlank und rank sein würde.
Die Fische groß und klein waren begeistert über die große Kugel, die da plötzlich klatschend in den Fluss plumpste. Der große Fischschwarm blubberte ganz aufgeregt, schubste und rollte Klein-Tilly, spielte mit ihr ausgelassen, unentwegt und ausdauernd.
Nie zuvor hatte die kleine Fette so viele Fische an einer Stelle in einem so riesigen Schwarm schwimmen sehen ... sie hoffte und wusste plötzlich, all die Fische würden ihr helfen, ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen ...
Rundum fing alles an sich zu drehen wie in einem Karussell, Tilly wurde taumelig und selig, jetzt war es so weit, ihr übergroßer Wunschtraum – hübsch und schlank zu werden - würde endlich in Erfüllung gehen.
So schwamm das kleine fette Schlemmermäulchen, begleitet von all den frechen neugierigen großen und kleinen Fischen den Fluss hinunter aus der Stadt, aus dem Land und viel viel weiter, vielleicht ins Meer.

Am Flussufer wurde der Vorfall nicht bemerkt und so war und blieb Klein-Tilly für immer verschollen und verzweifelte Eltern und der trauriger Bruder Tom alleine zurück. Polizeiliche Ermittlungen führten ins Leere ...

Niemand hatte jemals mehr was von der kleinen Fetten gehört, sie war ganz einfach aus Kummer weg geschwommen, nachdem sie so ein unverbesserliches Schlemmermäulchen gewesen war und nicht aufhören konnte, weiter zu essen und zu schlemmern und zu naschen und zu essen und zu schlemmern und zu naschen ...
Und wenn Klein-Tilly in der Zwischenzeit nicht geplatzt ist, dann schlemmert sie sicherlich auch heute noch.