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Zaubern


© Vera Maria Lafrenz

 

Es war einmal ein alter Herr, der sein ganzes Leben lang ein kleines hübsches Spazierstöckchen mit Silbergriff bei sich trug, es war sozusagen sein Talisman.
Kein Spaziergang, kein Besuch oder Einkauf wurde ohne dieses Stöckchen gemacht, es gehörte sozusagen zum Gesamtbild des alten Herrn.

Doch leider musste Opa Krause – so hieß der alte Herr – eines Tages feststellen, dass er ohne fremde Hilfe nicht mehr auskommen konnte und so war sein Sohn Fritz und seine Schwiegertochter Friedel gefordert, für ihren Vater zu sorgen und ihn zu sich zu nehmen. So war es dann auch.

Der Haushalt von Opa Krause wurde aufgelöst, eine traurige und aufwendige Angelegenheit. Viele alte Andenken, Bilder, Möbel, Lampen, Vasen, Teppiche, Teller und Sammeltassen wurden verkauft, kamen zum Trödler oder auf den Flohmarkt.

Nachdem der alte Herr das Haus nicht mehr verlassen konnte, wanderte sein geliebtes Stöckchen mit Silbergriff auch zum Trödler, denn es wurde ja nicht mehr gebraucht. Wer ging denn heute noch mit einem Spazierstock aus dem Haus, niemand.
Für das Stöckchen mit Silbergriff war keine gute Zukunft in Sicht.

Die anderen Trödler-Utensilien, die rund um den kleinen Spazierstock in den Regalen lagen, raunten vor sich hin. So ein lächerlicher Stock und dann noch mit Silbergriff sei doch zu nichts mehr gut. Dieses unnütze Ding würde doch nie verkauft werden, die Zeit sei doch modern und vorangeschritten.
Das Raunen und Tuscheln wollte kein Ende nehmen und das kleine traurige Stöckchen drückte sich tiefer und immer tiefer in das überfüllte Regal.

Die langen Tage gingen trostlos dahin. Viele Interessenten waren in der Zwischenzeit beim Trödler ein und aus gegangen, hatten verschiedene alte Gegenstände gekauft, nur der kleine Spazierstock mit Silbergriff blieb bisher unbeachtet und lag – langsam mehr und mehr verstaubt – weiterhin in einem überfüllten Regal des Trödlers.
Eines schönen sonnigen Vormittags betrat ein junger interessanter großer schlanker Mann mit scharfem Profil und langem dunklem Haar den Trödler-Laden. Der junge Mann war anders als die anderen Kunden, ruhig und besonnen, in einem weiten Umhängemantel gehüllt. Er betrachtete alle Gegenstände genau und eingehend, nahm hie und da ein Ausstellungsstück
aus einem der Regale in die Hand, begutachtete es genau von allen Seiten und legte es dann wieder behutsam auf seinen bisherigen Platz zurück.
Dem Trödler war schon aufgefallen, dass dies ein besonderer Kunde sein würde, wagte aber nicht, ihn anzusprechen und seine intensive Suche zu stören.

Doch plötzlich – wie vom Blitz getroffen – griff der junge schlanke Mann mit dem scharfen Profil nach dem Stöckchen mit dem Silbergriff. Er hatte sofort bemerkt, dass aus diesem exquisiten antiken Kleinod besondere Kraft strahlte.

Er war Magier, ein junger Zauberer in einem kleinen aufstrebenden Zirkus und dieses Stöckchen mit Silbergriff sollte vielleicht sein Zauberstab werden.
Hatte der junge magische Mann gefunden was er suchte?

Der Trödler war in der Zwischenzeit an den jungen Magier herangetreten und hatte sich bereit erklärt, den Silbergriff zu polieren, damit er vielleicht doch noch – obwohl vorher nicht erhofft – einen guter Preis für das Stöckchen erzielen könnte.
Nach kurzer Verhandlung mit dem Trödler war der Kauf perfekt und der junge Magier, glücklich über seinen gelungenen Kauf, kehrte zurück in seinen Wirkungskreis, den Zirkus.
Nun wurde der Silbergriff immer wieder sorgfältig poliert und strahlte wie in guten alten Zeiten und das Stöckchen war selig, endlich wieder eine neue schöne Aufgabe zu haben.
Würde es so viel Kraft und Magie ausstrahlen können, um zu bestehen und wirklich in der Lage sein, ein magischer Zauberstab zu werden?
Der junge Magier hatte seine Kraft erkannt.

Die künftig vorgeführten Zauberkunststücke wurden kleine Sensationen, der Magier ein großer und berühmter Mann. Das Stöckchen war nunmehr sein Zauberstab, ein wunderbares kleines verzaubertes Stück Holz mit Sternenregen.

Das antike Stöckchen mit Silbergriff hatte dem jungen Magier Ruhm gebracht. Es war mit der Gabe der feurig sprühenden Magie ausgestattet und jedes Mal, wenn der junge Zauberer damit hantierte, versprühte das Zauberstöckchen winzig kleine Sterne, die in einem Gold-Sterneregen endeten, so dass jedes Zauberkunststück ein wunderbares Erlebnis darstellte.

Egal wohin der junge Magier reiste, sein Ruf von dem Stöckchen mit dem wunderbaren Gold-Sterneregen war ihm schon vorausgeeilt.
Das Staunen der Zuschauer war groß, sie waren entzückt, fasziniert, egal wo er mit seinem Zauberstöckchen auftrat. Die Kinder groß und klein jubelten und konnten sich nicht satt sehen an dem ergiebigen Gold-Sterneregen.
Es lag knisternde verzaubernde Magie in der Luft ...
So bereiste der junge Magier die ganze Welt und begeisterte seine Zuschauer groß und klein mit seinem magischen Sterne-Regen.
Er hatte seinerzeit unter all den vielen alten Utensilien des Trödlers das Richtige – das Zauberstöckchen - gewählt.

Und wenn der kleine magische Zauberstab nicht zerbrochen ist, dann zaubert er sicherlich auch heute noch viele viele Goldsterne für begeisterte kleine und große Kinder!