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Balduin


© Vera Maria Lafrenz

 

Es war einmal ein hübscher kleiner Engel namens Balduin. Er saß alleine und traurig auf einer weichen weißgrauen Wolke und dachte über seine Bestimmung nach. Alle Engel-Kollegen hatten viel zu tun und flogen aufgeregt von einer Stelle zur anderen, nur Balduin war ohne Aufgabe. Wo war denn der Sinn des Engel-Daseins fragte er sich traurig?

Dabei war Balduin ein reizendes kluges Kerlchen mit blondem lockigem Haar, sein Heiligenschein saß ganz fest in seinen Krauslocken, konnte nicht verloren gehen. Seine tiefblauen Augen guckten keck über Wolken, Sonne, Mond und Sterne und sein Engelshemdchen – unschuldig und weiß – reichte bis zu den Knien.
Balduins Flügel – sein ganzer Stolz – waren außerordentlich wohlgeformt und die Flügelfedern-Enden streiften beinahe seine Knöchel. Schwerelos konnte der kleine Engel durch das Himmelszelt schweben und des Öfteren sah er dem fleißigen Sandmännchen bei seiner verantwortungsvollen Arbeit staunend zu.

Alles war bei Balduin, dem kleinen Engel, wie es sein sollte, nur ein entscheidender Punkt fehlte – er war immer noch kein Schutzengel. Petrus hatte ihn noch nicht für würdig erklärt, diesen Titel zu tragen und diese verantwortungsvolle Tätigkeit ausüben zu dürfen.
Balduin seufzte tief, ließ seinen Kopf hängen und wollte nicht mehr länger warten … der kleine hübsche Himmelsbewohner wurde langsam ungeduldig.

Plötzlich und unerwartet wurde Balduin aus seinen trüben Gedanken gerissen. Petrus zog die dicke Wolke, auf der der kleine Engel saß, schnell und hektisch an sich heran und sprach mit ernster tiefer Stimme:
„Balduin, wie ich mit großem Bedauern sehen musste, ist auf Erden ein schwerer Unfall mit einem Kind passiert und du musst sofort fliegen und versuchen zu helfen ... schnell, schnell, bevor es zu spät ist ... „
Sven, der kleine Junge war auf dem Weg zur Schule mit seinem Fahrrad von einem Pkw angefahren worden. Zu schnell, zu unvorsichtig und ohne Schutzhelm war der kleine Mann unterwegs gewesen, hatte bei dem bedauerlichen Unfall eine schwere Kopfverletzung und einen Armbruch erlitten und lag seitdem bewusstlos im Krankenhaus.

Die Ärzte waren skeptisch und die Eltern sehr verzweifelt. Balduin hatte sich sofort auf seine Flügel verlassen und leise schwebend auf den Weg gemacht!
Sven brauchte jetzt dringend Hilfe und vielleicht einen großen dicken Schutzengel!

Leise und vorsichtig setzte sich der kleine Engel ans Bett von Sven und berührte ganz leicht den Kopfverband und den gebrochenen Arm des kranken Kindes. Keine Reaktion, Sven hing am Atmungsgerät, gab keinen Laut von sich, lag nur teilnahmslos da. Der kleine Patient war bewusstlos und seine Kinderwunder-Welt ringsum war ausgelöscht.

Sven´s Eltern waren verzweifelt, hilflos und weinten herzzerreißend. Die Ärzte konnten die schwere Kopfverletzung von Sven noch nicht genau einschätzen! Geduld, abwarten und hoffen, so meinten die Mediziner.

Balduin, der kleine Engel, war sehr bemüht und fächelte mit seinen großen Flügeln intensive Kühlung über Sven´s verletzten Kopf und Arm.
Er wäre ja ein Engel, er müsste doch helfen können, also Rat einholen an hoher oder höchster Stelle.
Verunsichert und ein wenig traurig flog Balduin zurück zu seinen Schutzengel-Kollegen, wollte ihre Meinung hören. Doch dann fasste er den festen Entschluss, Petrus selbst um Rat und Hilfe zu bitten.

Petrus wurde sehr still und nachdenklich, als er Genaueres über Sven´s schwere Verletzungen erfuhr und graulte lange und ausgiebig in seinem langen weißen Bart. Letztendlich kam er zu dem Schluss, dass Sven vielleicht Himmelsmilch Besserung bringen könnte.
Der erfahrene alte Himmelsmann füllte ein kleines Töpfchen voll mit dem himmlischen Nass und gab dieses Balduin zu treuen Händen.
Leise knurrend verkündete er:
„... kleiner Engel, du gehst sehr vorsichtig mit meiner Himmelsmilch zu Werke, es sind wertvolle Tropfen, die hoffentlich Linderung bringen und Sven aus der Bewusstlosigkeit holen ...“

Pfeilschnell flog der gewissenhafte Engel mit dem kleinen wertvoll gefüllten Töpfchen in der Hand ins Krankenhaus zu Sven und setzte sich ganz vorsichtig und himmlisch leise an das Kopfende seines Krankenbetts.

Mit unendlicher Hingabe – so wie es einem Schutzengel zukam – tupfte Balduin die Himmelsmilch auf Klein-Sven´s Stirn und den verletzten Arm, immer wieder und immer wieder … so auf seine Stirn, seine Nasenspitze, seine Lippen, seine Augen, aufs Kinn und noch mal auf die Fingerspitzen des gegipsten Arms.

Ein inniges Stoßgebet und ausgiebiges Fächeln mit seinen großen schönen Engelsflügeln. Dann war Balduin mit seinen Kräften, seinem Wissen und Möglichkeiten am Ende und musste nun die Weiterbehandlung den Ärzten überlassen. Der kleine Engel, er hoffte und bangte mit den verzweifelten Eltern. Wie sollte es nun weitergehen?
Wenn die Himmelsmilch keine Wirkung zeigen würde ... was dann?

Jede Nacht, nach Mitternacht, als endgültig Ruhe im Krankenhaus eingekehrt war und nur die gewissenhafte Nachtschwester hie und da nach dem rechten sah, saß Balduin am Krankenbett von Klein-Sven und tupfte liebevoll mit Himmelsmilch und fächelte mit seinen großen Flügeln intensive Kühlung über das kranke Kind.

An einem schönen Morgen schlug Sven die Augen auf, erkannte seine Eltern und die Umgebung, fand überglückliche Eltern vor und nun auch zufriedene, zuversichtliche Ärzte. Der junge Patient hatte großes Glück gehabt und wird wieder ganz gesund werden.

Balduin, der kleine Engel, hatte jetzt bewiesen, dass nun auch er ein guter, gewissenhafter Schutzengel geworden war.
Ehrenvoll wurde er in die Runde der Schutzengelschar aufgenommen.
Petrus war sehr stolz auf den kleinen Balduin und verlieh ihm nun ein langes, wallendes weißes Seidenhemd mit Sternen und leuchtender Goldlitze.
Das kurze Hemdchen wäre nichts mehr für ihn, nun reihte er sich ja in die Schar der Schutzengel ein!

Sven wurde ganz gesund, fuhr wieder rasant Rad und alle Nachbarn, Freunde, Onkel und Tanten und vor allem seine Eltern wiesen immer wieder darauf hin, welch´ einen großen, dicken Schutzengel Klein-Sven wohl gehabt haben musste! Dabei war Balduin doch klein und zierlich, aber sehr gewissenhaft, liebevoll und ausdauernd.

Und ihr Lieben habt doch sicherlich auch so einen kleinen Schutzengel Balduin! Aber bitte, überanstrengt ihn nicht und seid immer vorsichtig im Straßenverkehr, beim Radfahren und beim Spielen, denn sonst könnte es sein, dass Petrus´ Himmelsmilch auch nicht mehr helfen kann ...