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Caroline


© Vera Maria Lafrenz

 

Eine süße kleine Stoffpuppe namens Carolinchen fristete ihr karges trostloses Dasein seit langer Zeit in einem alten Kleiderschrank, in welchem viele eingemottete und nicht mehr benötigte Kleidungsstücke aufbewahrt wurden. Die Mottenkugeln strömten einen sehr intensiven und beinahe unangenehmen Geruch aus!

Alte Wollstrümpfe lagen da säuberlich zusammengelegt neben Schals, gestrickt oder gehäkelt, niemand mochte sie mehr tragen, sie waren längst aus der Mode. Genauso die dazu passenden Wollmützen. Winterkleider mit großen Karo-
Pepita-  oder dicken Streifenmustern hingen da, ein alter Wintermantel mit großem Pelzkragen, der glaubte, noch hübsch und tragbar zu sein und mehrere leichtere Wollmäntel und Jacken leisteten sich gegenseitig trübe Gesellschaft.

Eigentlich sollten vor Jahren schon all diese überflüssigen alten Kleidungs-stücke in die Kleidersammlung abgewandert sein, aber es war noch nicht so weit.  Alle diese Klamotten gehörten einer alten Dame, die sich von nichts trennen konnte und so blieb der Kleiderschrank voll gestopft und mittendrin Carolinchen, das arme gestresste Püppchen!

Wie das Stoffpüppchen allerdings zwischen all diese alten Kleidungsstücke geraten war, weiß heute niemand mehr.
Carolinchen langweilte sich natürlich sehr, war traurig, unzufrieden und außerdem störte sie ganz außerordentlich der intensive Geruch der Mottenkugeln. Caro konnte sich ganz und gar nicht daran gewöhnen.

Die kleine Karierte dachte an bessere vergangene Zeiten, als  sie noch als Spielzeug gebraucht und geliebt wurde und die Tage hell und sonnig waren.
Die Dunkelheit aber, Langeweile und Einsamkeit hatten all ihre schönen Erinnerungen getrübt.                                                                                

So war es ihr einziges Bestreben, diesen schrecklichen Schrank mit all den alten Klamotten und dem unangenehmen Geruch so schnell wie möglich zu verlassen und eine neue Aufgabe zu suchen, egal welcher Art, nur schnell weg!
Aber wie sollte das kleine Püppchen dies anstellen?

Eines Tages, Carolinchen konnte es kaum fassen, öffnete sich die schwere Tür des alten Kleiderschrankes. Ein fahler Lichtstrahl fiel ins dunkle Innere und Oma Ludwig holte mehrere Paare Wollstrümpfe aus ihrem Mottenschrank, wühlte ausgiebig in all ihren eingemotteten Kleidungsstücken und ließ nach getaner Arbeit die Schranktür nur angelehnt zurück.


So schnell das kleine Püppchen es schaffte, krabbelte es zur Schranktür, drängte  durch den Türspalt, hüpfte dann mit Schwung und großer Erleichterung aus dem düsteren Schrank-Gefängnis und versteckte sich flugs unter dem Bett.

Die alten Mäntel und Schals flüsterten und raunten einige ermunternde Worte hinter Carolinchen her, doch das Püppchen war so aufgeregt, endlich im Freien zu sein, atmen zu können und Licht zu sehen, dass die Kleine die guten Wünsche  gar nicht mehr hörte. Nur weg, nie wieder in diesem schrecklichen Schrank sitzen müssen ...

Nachts, als es ganz still, ruhig und düster war, nur Mond und Sternlein neugierig durch das gekippte Fenster lugten, wagte sich Carolinchen aus ihrem Versteck, kletterte flink auf die Fensterbank und zwängte sich mit viel Mühe durch den Spalt des gekippten Fensters.
Endlich frei, welch´ ein herrliches Gefühl!
Erquicklich war es, endlich Mond und Sterne zu sehen und frische Luft zu atmen. Kühl war die klare Nacht und Carolinchen fröstelte ein wenig, aber wie sollte der Fluchtweg nun fortgesetzt werden bei Dunkelheit und ohne Ortskenntnisse?

Carolinchen wollte gerade ihr hübsches kluges Köpfchen anstrengen, um eine Lösung des Problems zu finden, da erfasste die Kleine ein Windstoß und schwupp – mit einem Aufschrei des Entsetzens – purzelte Carolinchen vom Fenstersims in die dunkle unbekannte Tiefe ...
Zwar dem ungemütlichen Motten-Schrank entkommen, aber jetzt hilflos vor dem Haus  auf dem Rasen liegend, geschockt, ängstlich, alleine und frierend.
Ärmchen und Beinchen hatten den Sturz auch nicht so gut verkraftet!
- Aufrappeln, in Sicherheit bringen, weglaufen, nicht gefunden werden -
waren so ihre Gedanken. Die kleine Puppe hatte sich alles viel einfacher vorgestellt und jammerte nun leise vor sich hin!
In dieser ausweglosen Situation hätte die kleine Karierte gerne den alten Mantel mit Pelzkragen um Rat gefragt. Aber jetzt war es zu spät!  Caro wusste nicht weiter, das kleine Stoffpüppchen war verzweifelt!

Ein älterer Herr, Opa Clausen, mit seinem Dackel Max kamen vorbei. Beide waren auf ihrem gewohnten Abendspaziergang.  Max sollte noch einmal die Beine vertreten und das Hinterbein heben, bevor er in seinem Hundekörbchen die wohlverdiente Nachtruhe finden würde.

Dackel Max stieg schon von weitem der ungewohnte komische und undefinierbare Geruch in die Schnauze, der da auf ihn zuströmte und unangenehm in seiner empfindlichen Nase kribbelte.  Was war das für ein komischer Geruch?
Weder gut noch schlecht, weder menschlich noch tierisch, was war das nur?


Carolinchen schlotterte vor Angst, wusste nicht, was mit ihr geschah, als Max frech und ungeniert an ihr herumschnüffelte, sie schubste, ableckte, in die Luft warf, wieder auffing und dann ein wenig schüttelte.
„Ein ganz uriges  Spielzeug ... wuf, wuf,  und es riecht auch noch so außergewöhnlich, wuf, ...“ grummelte Max vor sich hin! Der schlaue Dackel war aufmerksam geworden.

„Aua, lass mich los du Grobian“ schrie Carolinchen in den höchsten Tönen ängstlich und empört, “was willst du denn von mir“ und versuchte, mit ihren kleinen Händchen auf die freche Schnauze von Max zu trommeln!

Max grunzte nur leise vor Vergnügen, schüttelte ausgiebig seine langen Ohren aus und wedelte mit seinem buschigen Schweif freundlich und charmant.

„Nein, nein, keine Angst, ich will dir nichts tun,“ argumentierte Dackel Max leise und überzeugend, “ aber du riechst so seltsam wuf, wuf,  und bist auch sonst interessant anzusehen. Ich will dich als Spielzeug, wuf, komm doch mit nach Hause, wuf, wuf ...“

Der Dackelherr zeigte sich von seiner charmanten Seite, nahm Carolinchen nun zärtlich ins Maul und trug seinen interessanten Fund zu Oma nach Hause.
Max war stolz auf seine neue Entdeckung! Oma aber war entsetzt!

Oma Clausen wollte ihrem Hund das miefende Spielzeug verbieten. Schimpfte mit Opa laut und ausdauernd, dass er es überhaupt  zugelassen hatte, dieses komische muffige Etwas anzuschleppen. Dicke Luft herrschte im Hause Clausen.

Doch Max bestand durch hartnäckiges Knurren und Zerren auf seinem gefundenen Spielzeug und so hatte Carolinchen ein neues zu Hause und einen lieben Freund gefunden durch Max, den neugierigen frechen Dackel.

Max und Carolinchen wurden die allerbesten Freunde, und immer wenn Max Ausgang hatte, kam Carolinchen mit. Welch´ ein schönes abwechslungsreiches Leben begann für die kleine Puppe, sie war nach langer Zeit wieder glücklich!
Doch eines schönen sonnigen Tages kam es dann doch ganz anders, als es sich die beiden ungleichen Freunde gedacht hatten.

Opa und Oma Clausen bekamen Besuch von ihrer Tochter mit der süßen kleinen Enkelin Lisa. Beide lebten in einer fremden Stadt und die Großeltern wollten dorthin nicht mehr verreisen. So war der Besuch von Tochter und Enkelin von weit her sehr willkommen!

Die Wiedersehensfreude war groß und die Tochter hatte ihren Eltern so vieles und interessantes zu erzählen, dass alle drei nicht merkten, wie Klein-Lisa sehnsüchtig

und mit großen Augen auf Carolinchen guckte. So ein Püppchen hatte die Kleine noch nie gesehen und es war Liebe auf den ersten Blick!

Max war sehr eifersüchtig und enttäuscht, dass Carolinchen so undankbar war und sich mit Klein-Lisa beschäftigte und ihr Bestes gab, um dem kleinen Mädchen zu gefallen. Das karierte Püppchen mochte Lisa sehr.
„Mami, Mami, dieses karierte Püppchen möchte ich gern mitnehmen bevor es Max zerbeißt und kaputt macht, es ist so süß und so ungewöhnlich“ bettelte Klein-Lisa!
Max war entrüstet über diese Bemerkung, wie könnte er Carolinchen zerbeißen und kaputt machen wollen, sie war doch seine beste Freundin!

So kam es, dass das karierte Püppchen eine neue Spielgefährtin fand. Klein-Lisa war ganz begeistert von Caro. Max zog sich traurig und beleidigt in sein Körbchen zurück, war nicht mehr zu sehen und verweigerte ab sofort jeden Freundschafts-beweis gegenüber seiner Familie!

Lisa´s Mutter steckte die kleine Puppe - zu Hause angekommen - erstmal in die Waschmaschine, um Spuren von Max und den unguten Geruch aus dem Püppchen zu waschen.
Nach dem Schonwaschgang war Carolinchen wie neu geboren und Mutter und Tochter waren ganz angetan vom Charm der kleinen hübschen karierten Puppe.
Und nun war ein Gedanke geboren, den Lisa´s Mutter sofort in die Tat umsetzte.

Sie hatte einen Verkaufs-Stand auf dem Jahrmarkt mit allen möglichen kleineren und größeren Spielen und Spielzeugen, darunter auch Teddybären, Stofftiere und Puppen. Wie gut würde da Carolinchen dazupassen! Gesagt, getan!                              
 
Karierter Stoff wurde gekauft, Carolinchen genau betrachtet, vermessen und als Vorlage-Beispiel benutzt, um weitere Puppen – die so ähnlich wie Carolinchen sein sollten – herzustellen.
Lisa´s Mutter war sehr fleißig und nähte, nähte und nähte, bis Carolinchen mit Freude und Staunen feststellte, viele ähnliche Schwestern in ihrer Nähe zu wissen. Die kleine Puppe war nicht mehr alleine, sie hatte viele Schwestern bekommen, die Lisa's Mutter in fleißiger Näharbeit gefertigt hatte.

Die Schwestern von Püppchen Caroline wurden der große Verkaufsschlager auf dem Jahrmarkt-Verkaufs-Stand von Lisa´s Mutter. Sie war ihrer kleinen Tochter sehr dankbar, dass sie durch die Zuneigung zu Carolinchen die Idee in die Familie gebracht hatte, dieses süße Stoffpüppchen vielfach zu nähen!

Lisa und Carolinchen – das Original selbstverständlich – blieben viele Jahre unzertrennlich. Und wenn ihr lieben Leser einmal über den Jahrmarkt schlendert, dann haltet doch mal Ausschau nach einem karierten Püppchen, dies könnte dann doch vielleicht eine Schwester von Carolinchen sein, oder?