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Edelsteine


entnommen aus dem Märchenbuch "Wenn Du noch träumen kannst"
© Vera Maria Lafrenz
Illustration: Sonja Bartl, Wien

 

Es herrschte Hochstimmung im kleinen Königreich. Nach langer qualvoller Sehnsucht und großem Herzeleid hatte der junge Prinz doch noch die Dame seines Herzens zum Traualtar führen können. Die bösen Intrigen der Günstlinge, der hinterhältigen Neider und die Abneigung der ungnädigen arglistigen Schwiegereltern hatten nichts genützt.

Die große Liebe der beiden tief und innig liebenden jungen Leute, die des Prinzen und seiner zauberhaften auserwählten Prinzessin hatte gesiegt. Die holde schöne Prinzessin hatte sich lange Zeit den Widerständen, bösen Gerüchten und negativen Gegebenheiten ihrer Familie widersetzt und an ihre große Liebe geglaubt und daran festgehalten.

Nun war nach vielen tränenreichen Nächten und dunklen Stunden der innige übergroße Herzenswunsch – die Hochzeit - für das junge königliche Paar doch noch in Erfüllung gegangen und die jungen Brautleute schwebten im siebenten Himmel.

 

Die fröhlichen und glücklichen Untertanen groß und klein im schönen malerischen Königreich, all die aufgeregten Tiere und Pflanzen wie auch die im tiefen Felsen ruhenden Edelstein-Schätze waren nun allesamt bemüht, dem jungen glücklichen Paar Freude zu bereiten.
Das vollkommene Glück sollte durch viele schöne Geschenke gekrönt werden!
Die Edelsteine im tiefen Felsgestein waren nervös geworden, in Aufruhr und vereinbarten eine wichtige Zusammenkunft.

Nun hatten sie sich alle versammelt, die schönen wertvollen Edelsteine in der geräumigen Felsenhöhle tief unten im dunklen geheimnisvollen Berge und berieten, wer von ihnen denn als Brautgeschenk gut und am besten geeignet sein würde.

Der Rubin, der Smaragd, der Saphir, der Citrin und der Aquamarin. All diese wunderbaren Edelsteine waren sich ihrer Schönheit und ihres großen Wertes bewusst und brachten nun lautstark, überzeugend und entschlossen ihre Argumente vor.
„Ich, der Rubin, ich bin der Stein der Liebe, bin rot wie das liebeswallende Blut, heiß wie das hoch lodernde Feuer und leuchte hell in der tiefsten schwärzesten Nacht…“, rief der Rubin leidenschaftlich in die Edelsteinrunde.

Der Saphir konnte seine Argumente nun auch nicht mehr zurückhalten ... “meine dunkelblaue leuchtende Farbe steht für ewige Treue, tiefe Zuneigung und ich bin so blau, edel und klar wie der tiefste tiefblaue Bergsee …“

Unmutig schüttelte der Smaragd seinen klugen Kopf, “was nützen denn Liebe und Treue, wenn nicht die Hoffnung besteht, dass diese schönen Gefühle und Tugenden nicht ewig jung bleiben und glänzen in alle Ewigkeit. Ich leuchte im frischen strahlenden Grün des jungen erwachenden Frühlings und der großen Hoffnung, dass diese Frühlingsgefühle ewiglich andauern ...“

Der sonnengelbe Citrin war nun auch nervös und unruhig geworden, mochte nicht mehr länger warten mit seinen Ausführungen und rief aufgeregt dazwischen: “All diese Eigenschaften und Argumente sind ja sehr gut und lobenswert. Aber was nützen all diese schönen Gefühle ohne Herzenswärme, goldenen wärmenden Sonnenschein, gegenseitiges liebevolles Verständnis und immer währende goldene Güte ...“

„Mich habt ihr edlen Steine ja noch gar nicht angehört. Ich bin auch einer von Euch“, rief der zartblaue Aquamarin in die aufgeregte Diskussionsrunde. Er fühlte sich fast vergessen, leuchtete aufgeregt und herrlich strahlend hell.

Leise aber bestimmt argumentierte der Aquamarin: “Schön ist große Liebe, tiefe Treue, immer währende Hoffnung und goldene Güte, aber was ist mit der edlen königlichen Nachkommenschaft? Ich, der Aquamarin bin so rein und klar wie eine neu entsprungene Bergquelle in der unberührten Gebirgslandschaft und stehe für glückliche Nachkommen in Unschuld und Reinheit ...“ Der Aquamarin hatte mit seinen wichtigen Ausführungen alle anwesenden schönen Edelsteine überzeugt.

Vorübergehend kehrte Stille ein in die aufgebrachte, heiß diskutierende Edelstein-Runde und alle nickten sie zustimmend dem schönen, reinen und hellblauen Aquamarin zu, als sich plötzlich ein weiterer Edelstein in die wichtigen Gespräche einschaltete.
Der Diamant war gekommen, etwas spät, aber er wusste um die Wichtigkeit der Zusammenkunft.
Ein wenig verwundert blickten all die Edelsteine hoch und sahen auf einen durchsichtigen, farblosen, unscheinbaren harten Stein, den Diamanten.

„Warum habt ihr alle hier nicht auf mich gewartet ...“, polterte der Diamant ein wenig vorwurfsvoll, “auch ich habe hier ein entscheidendes Wort mitzureden“, und setzte sich selbstbewusst zwischen Rubin und Saphir auf die kühle Felsenbank.

„Du gehörst doch eigentlich gar nicht so sehr zu uns, du hast ja keine leuchtende Farbe aufzuweisen und bist auch viel zu alt für ein wertvolles Geschenk …“ spottete der Citrin vorlaut und frech!
Der Diamant lachte laut und schallend, dass es weit durch die Felsenhöhle zu vernehmen war und verwies den vorlauten Citrin in seine Schranken.

„Was glaubst du eigentlich wer du bist?“, tönte der Diamant stolz und ein wenig aufgebracht, “ich bin der König der Edelsteine, reich an Jahren, reich an großer Härte, reich an Reinheit, Glanz und Schönheit, der begehrteste Edelstein der herrschenden Mächte auf dieser Welt. Ich bin der Edelstein für die Ewigkeit …“

Um seine großen Worte unter Beweis zu stellen, nahm der Diamant entschlossen die ungläubigen Edelstein-Kollegen an den Händen und begab sich mit ihnen umgehend an die Erdoberfläche in den schönen, strahlenden und warmen Frühlings-Sonnenschein.

Und siehe da, der stolze Diamant leuchtete urplötzlich in allen erdenklichen Regenbogenfarben. In leuchtendem Rot, in tiefem Blau, in sonnigem Gelb, in saftigem Grün und in herrlich hellem unschuldigem Blau. Er war wirklich der König der Edelsteine, hatte alle Eigenschaften in sich vereint und war sich seiner Schönheit, seines Glanzes und seiner großen Wertbeständigkeit auch voll bewusst.

Die Edelstein-Freunde staunten, verfielen in große Bewunderung und waren ab diesem entscheidenden Moment sprachlos. Nun hatten die wertvollen Edelsteine wahrlich erkannt, dass es auch in ihrem Edelstein-Reich einen König gab. Dieser König war unbestreitbar der stolze, wertvolle, ewige Diamant.

Der strahlende Diamant wie auch seine Edelstein-Freunde hatten nun ihre Entscheidung getroffen. Alle zusammen wollten sie sich der jungen schönen Braut als wertvolles Hochzeitsgeschenk hingeben, damit all die wunderbaren Eigenschaften, Tugenden und schönen Mächte, die in ihnen wohnten, für immer dem jungen Paar erhalten bleiben mögen.

Und so war es denn auch! Die jungen königlichen Brautleute freuten sich sehr über das überaus wertvolle Hochzeitsgeschenk und lebten viele lange Jahre glücklich und zufrieden in ihrem kleinen malerischen Königreich.
Und ihre Nachkommen, der kleiner Prinz wie auch die kleine Prinzessin waren genau so strahlend und rein wie eine klare unberührte Gebirgsquelle, so wie es der leuchtend hellblaue Aquamarin vorher gesagt hatte.

Solange im tiefen harten Felsgestein wertvolle Edelsteine gewonnen werden, solange wird auch der undurchdringbare Zauber des Geheimnisvollen und Märchenhaften um sie sein.