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Kiki


Text © Vera Maria Lafrenz
Illustration © die Autorin

 

Am Stadtrand eines malerischen Ortes stand vor langer Zeit ein großes ansehnliches Einfamilienhaus mit geheimnisvollem Garten, alten Bäumen, Sträuchern, mehreren Rosenhecken, verwilderten Büschen, hohen Gräsern und einem dunklen Teich mit vielen rosa, weißen und gelben wunderschönen Seerosen.

Das Haus war seit längerer Zeit unbewohnt, die Eigentümer hatten es verkauft, waren ins Ausland verzogen. Der wunderschöne Garten und der dazugehörige dunkle Teich waren nun vernachlässigt und verwildert, nachdem schon viele lange Wochen keine Gartenarbeit mehr geleistet worden war.

So tummelten sich rund um den Teich verschiedene Kleintiere wie frech unkende Frösche, schillernde Salamander, quirlige Käfer, bunte hübsche Schmetterlinge, gefräßige Raupen und schwerelos durch die Luft schwebende Libellen, die an den Seerosen nippten. Kleine und größere Goldfische schwammen träge im trüben Wasser und zwischen den Seerosen tummelten sich emsig quakende Stockenten herum.
So wie es aussah, war es eine Entenfamilie, Vater, Mutter und sieben Küken, die schräge und aufgeregt schnatternd alles nachahmten, was die Eltern lehrten.

Entenvater war ein stattlicher Ganter mit strahlend glänzendem Gefieder, Mutter lieb, fürsorglich, graubraun gezeichnet, zurückhaltend und immer mit einem wachsamen Auge auf ihren aufgeweckten Küken-Nachwuchs, sieben an der Zahl. Stolz verkündete Entenmutter immer wieder ... „haben wir nicht niedlichen Nachwuchs, auf den wir stolz sein können, schnatt, schnatt ... „
und legte dann liebevoll ihr kluges Köpfchen zur Seite und guckte ganz verliebt hin zu ihrem Mann und auf ihre kleine Entenschar.

Die Kleinen waren ja auch pfiffig, neugierig und zu jeglichem Schabernack bereit, so dass Mutter Ente immer nur sehr kurzfristig nach Nahrung suchen und tauchen konnte, tauchen und hoch ... tauchen und hoch … tauchen und hoch ...

Das kleinste und aufgeweckteste der sieben Küken war Kiki, das letztgeschlüpfte Entenkind. Es war so übermütig, frech und neugierig, dass Vater und Mutter Ente gar nicht oft genug ermahnen konnten, doch all den Unsinn und Schabernack zu lassen, den Kiki immer wieder veranstaltete.

„He, Kleines, schnatt, schnatt, lass den Unsinn und ärgere die Goldfische nicht, und jage auch nicht die Libellen, zwicke auch nicht die kleinen Frösche ins Bein, das tut ein Entenküken ganz einfach nicht, schnatt, ... welchen Eindruck sollen denn alle Teichbewohner von uns bekommen, schnatt, schnatt ...“ mahnte Mutter Ente ein wenig vorwurfsvoll.

Außerdem sollte sich Kiki ein Beispiel an den Geschwistern nehmen, die immer meist folgsam in Reih´ und Glied marschierten zu Lande, und zu Wasser ebenso eine Reihe bildeten, damit die Eltern einen guten Blick über die Kinderschar behalten konnten.

Nicht so Kiki! Das freche aufgeweckte Entlein hatte was anderes vor. Zupfte intensiv und ausdauernd an den Blütenblättern der wunderschönen Seerosen, jagte den flinken Fröschen hinterher oder schnappte flink nach den vorbeischwebenden Libellen, auch die kleinen emsigen Schwimmkäfer waren vor Kiki nicht sicher.

Jetzt, nachdem die Küken schon ein wenig größer waren, wagten Mutter und Vater Ente ausgiebige Schwimmübungen auf dem Teich, Grünes zupfen, tauchen, schwimmen, kleine Käfer, Würmer, Kräuter und Körner sammeln und naschen.
Das Gefieder ausgiebig fetten und putzen, damit auch keine Wassertropfen an das Innere des wertvollen Federkleides gelangten, denn alles musste doch gelernt sein und die kleinen Entlein waren aufgeweckt und sehr gelehrig.

An einem wunderschönen sonnigen Morgen war die Aufregung bei der Entenfamilie riesengroß, Kiki war verschwunden und keiner wusste, wo die Kleine geblieben war. Ängstliches aufgeregtes Geschnattere bei den Eltern, Flattern und Rennen, Flöten, Watscheln und Rufen, „ schnatt, schnatt, Kind wo bist du denn, wo hast du dich versteckt? Schon wieder machst du Schabernack, schnatt, schnatt, was soll denn der große Unsinn bedeuten schnatt, schnatt ...“ Mutter und Vater Ente watschelten nervös, aufgeregt und unentwegt hin und her, her und hin und waren ganz krank vor Sorge ...

Ihre sechs Küken mussten auf dem Teich bleiben, damit die Eltern wenigstens sicher waren, sie dort wieder zu finden und beide Altenten trippelten in ihrer Not laut schnatternd durch den Garten und suchten angestrengt, aufgeregt und ziemlich kopflos nach ihrer Kiki … was war nur geschehen! Wo war denn ihr kleines freches Küken nur geblieben?

Doch plötzlich leises klägliches Schnattern und Flöten am nahen Holzzaun.
„Schnatt, schnatt, hier bin ich, helft mir doch, aua, ich kann nicht mehr, schnatt, ich stecke fest, schnatt, meine Beinchen tun so weh, schnatt ...“

Der Zaun war schon lange nicht mehr repariert worden. So hatten sich einige Risse und Löcher im Holz gebildet, eines davon wurde dann Klein-Kiki zum Verhängnis.
Die kleine Freche steckte in einem Holzloch fest, konnte nicht mehr vor oder zurück und wartete nun, zitternd am ganzen Federkleidchen auf seine Befreiung durch die Eltern.

Kiki strampelte mit ihren winzigen Watschelbeinchen mit allen Kräften, wollte freikommen, aber seine Energie reichte nicht aus. So steckte das kleine freche Küken kläglich fest und flötete voller Angst ganz herzzerreißend.
„... hier bin ich, aua, schnatt, ich stecke fest, helft mir, schnatt, ich bin so müde und habe Angst, schnatt, schnatt ...“

Die Enten-Eltern hatten das ängstliche Quaken ihres Entleins sofort gehört.
Überglücklich, Kiki endlich entdeckt zu haben, flatterten die Eltern zu ihrem vermissten Kind.
Mit einem entschlossenen zärtlichen Schubs befreite Mutter Ente ihr freches Küken aus der unangenehmen Lage und die Wiedersehensfreude war riesengroß.
Vorwurfsvoll schnatterte Mutter Ente „...Kiki, du vorlautes freches Entlein, so was Dummes machst du aber nicht wieder, schnatt, schnatt!“

Als Vater, Mutter und Kiki zum Teich und den Geschwistern zurückkehrten, war das Wiedersehens-Geschnattere laut, freudig und in höchsten Tönen zu hören und die Eltern konnten ihr wieder gefundenes Küken gar nicht oft genug liebevoll beschnäbeln.

Nie wieder unternahm das freche vorlaute kleine Entlein einen größeren Ausflug ohne Geschwister und elterliche Aufsicht in die lockende große Freiheit, Kiki war ja doch noch viel zu klein.