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Lebkuchenhaus


© Vera Maria Lafrenz

 

In einer kleinen malerischen Ortschaft in Oberbayern gab es vor vielen langen Jahren einen traditionsreichen gut geführten Bäckerladen. Die moderne schnelllebige Zeit war jedoch vorangeschritten und somit die Kunden für köstliche frische Backwaren aus Kostengründen spärlich geworden. Bäckermeister Lohr mit Frau und Sohn hatten große finanzielle Sorgen und sahen einer ungewissen Zukunft entgegen.
Der behäbige gutmütige, nunmehr weißhaarige Lohr verstand die Welt nicht mehr ...

Im Ort munkelte man hinter vorgehaltener Hand, dass früher oder später der Bäckerladen geschlossen werden würde, Familie Lohr verarmt sei und nach München umziehen wollte. Der neue Supermarkt am Ortsrand hätte viel preiswertere Backwaren aller Art im Angebot und die unterschiedlichen Brotsorten wären zwar nicht so schmackhaft und frisch, aber doch annehmbar.

In früheren besseren Zeiten hatte der fleißige Bäckermeister Lohr verschiedenartige köstliche Kleinbackwaren in eigener Backstube hergestellt und sein Arbeitstag begann allzeit sehr früh morgens. Er war immer fleißig gewesen und bemüht, auf die speziellen Wünsche seiner Kunden einzugehen.
All die leckeren und frischen Kipferl, Striezel, Salzstangen, Hörnchen, Mohnsemmeln, Krapfen, Strudel, Zitronenkuchen, kleines süßes Knuspergebäck, köstliche Torten und schmackhaftes saftiges Schwarz-, Korn- und Bauernbrot wurden kaum noch gekauft, die Nachfrage war gering.
Im Hause des Bäckermeisters herrschten einerseits stille Verzweiflung und andererseits ein wenig Hoffnung, doch noch eine Lösung aus der tiefen Krise zu finden.
„Vater, so können wir nicht weitermachen ...“ argumentierte Sohn Fritz
des Öfteren müde und niedergeschlagen nach getaner Arbeit, „unsere finanzielle Lage ist verzweifelt und Stammkunden sind größtenteils weggeblieben! “ Vater Lohr nickte dann nur traurig, seufzte tief und putzte still und nervös seine mehlig-staubige Brille blank ...

Diese trübe trostlose Stimmung war den kleinen Mehlheinzeln, die seit langer Zeit in der Backstube des Bäckermeisters ihre Arbeit verrichteten, ihren Meister bewunderten und verehrten, nicht verborgen geblieben.
Die kleinen Wichtel, mit weißen mehlig-staubigen Zipfelmützen und Hemdchen, die in besseren Zeiten zu allerlei Schabernack bereit gewesen waren, sich in jede Mehl- und Zuckerlade zwängten, zwischendurch auch mal gern von der Schokolade, die für Torten bereitstand, ausgiebig naschten, gegenseitig an den kurzen Hemdchen zerrten, Verstecken spielten und sich oft Backpulver in die Augen streuten, wie auch Mandelkerne als Wurfgeschosse benutzten, um den kleinen Kollegen zu ärgern, wurden mutlos.
Jetzt war ihnen nicht mehr nach Unfug zumute, die kleinen Mehligen ließen die Köpfe hängen, waren traurig und beschlossen ernsthaft, ihrem Bäckermeister Lohr Hilfestellung zu geben.

Nachts, wenn die Bäcker-Familie schlief und die Backstube leer war, stritten und diskutierten die Heinzel lautstark, vielstimmig und ausdauernd. Sprangen aufgeregt in der Backstube hin und her, guckten in jede Ecke, in manche Mehl- Zucker- oder Salz-Lade, wirbelten Mehlreste kunstvoll durch die Luft und kneteten aufgeregt zwischendurch Hefeteig, um Stress abzubauen. Machten den einen oder anderen Vorschlag, konnten sich lange nicht einig werden, bis sie endlich nach längerfristigen Streitereien auf eine geniale Idee kamen.

„Wir werden unserem Bäckermeister ein wunderschönes Haus bauen...“
riefen die Einen...“was für ein Unsinn, dazu sind wir Kleinen ja gar nicht in der Lage ...“ argumentierten die Anderen.
Der Klügste der Mehlheinzel stellte sich stolz in die Mitte der Backstube  und verkündete strahlend ...
„Ich weiß nun, wie wir helfen können! Wir bauen Meister Lohr ein wunderschönes großes Haus aus Lebkuchen, Zuckerguss, köstlichem Marzipan und Mandelkern, damit er sein Schaufenster ausstatten und verschönern kann ...“
Jubel und Begeisterungsrufe erfüllten die nächtliche Backstube.
Die große Idee vom Lebkuchenhaus war geboren!

Wenn man jetzt nachts genau hinhörte und ein offenes sensibles Ohr bewies, konnte man unglaubliche andauernde Unruhe und leises Rumoren in der Lohr-Backstube vernehmen ...

Mit all ihrem Können bearbeiteten die kleinen Mehlmännchen die herrlich duftenden Zutaten, die für Lebkuchen erforderlich waren.
Sie rührten, mischten, kneteten, formten ohne Unterlass und ein Heinzel versuchte den anderen zu übertreffen an Einfallsreichtum, Fleiß und Ausdauer.

Knapp vor dem ersten Advents-Wochenende hatten die kleinen weißen Fleißigen es geschafft und ein unglaublich schönes, großes und einzigartiges Lebkuchenhaus fertig gestellt.

Nach getaner Arbeit, erschöpft aber glücklich, versammelten sie sich rund um ihr Kunstwerk, lobten gegenseitig ihren Einsatz und Fleiß, waren sichtlich zufrieden mit sich und ihrem Werk.
Danach stemmten sie mit viel Mühe und vereinten Kräften das wunderschöne Lebkuchenhaus ins große Schaufenster des Bäcker-Verkaufsraumes. „Oh wie wunderschön ist unser Haus gelungen... „ raunten die mehligen müden Gestressten wie aus einem Munde und wackelten anerkennend mit ihren kleinen klugen Köpfchen. Nun aber wollten sie erstmal eine Mütze Schlaf nehmen, bevor das erste große sicherlich ereignisreiche Advents-Wochenende beginnen würde!

Der von den Mehlheinzel ersehnte erste kalte Advent-Samstag war nun endlich gekommen.
Unfreundliches, windiges, kühles und trübes Wetter kündigte sich an, es schneite ein wenig ... Bäcker Lohr kam müde schlurfend früh am Morgen in die Backstube und wunderte sich über unerklärliches Durcheinander!
Er hatte doch gestern noch Hefe, Mehl, Zucker, Mandelkerne und Rosinen woanders in den Regalen stehen! Waren denn die kleinen unsichtbaren Mehlmännlein wieder in seiner Backstube tätig gewesen?
Angespannte eigenartige Stimmung lag in der Luft ...

Als an diesem kalten Samstag Morgen die ersten Kunden in den Laden kamen, stand Bewunderung in ihren  Augen und sie waren voll des Lobes über das wunderbare große leuchtende Lebkuchenhaus im Fenster.
Bäckermeister Lohr traute seinen Ohren und Augen kaum, es fehlten ihm die Worte, er war begeistert, staunte und konnte nicht fassen,
was er sah ...               
In seinem Ladenschaufenster stand ein meisterliches, köstlich duftendes, einzigartiges Lebkuchenhaus.

Wie ein Lauffeuer hatte sich herumgesprochen, dass Bäckermeister Lohr ein sehenswertes großes Lebkuchenhaus in seinem Fenster stehen hatte und von weit her kamen viele Neugierige und drückten ihre Nasen an der Ladenschaufensterscheibe platt. So ein riesiges Lebkuchen-Meisterstück hatten sie noch nie gesehen ...
Selbstverständlich – so wie die kleinen fleißigen Mehlwichtel erhofft hatten – stieg auch der Verkauf der köstlichen Backwaren wieder an.
Lohr wurde über die Ortsgrenze hinaus bekannt, war wieder in aller Munde und brauchte sich ab diesem Tage über mangelnde Geschäfte keine Sorgen mehr zu machen.

Die Heinzel waren selig, tanzten und umarmten sich, lobten gegenseitig ihre herrliche Idee, Bäckermeister Lohr auf diese Weise geholfen zu haben und waren überglücklich, ihn wieder voller Tatkraft und bester Laune jeden frühen Morgen in seiner Backstube anzutreffen.

Familie Lohr konnte ihr Glück kaum fassen, feierte ein wunderbares, harmonisches Weihnachtsfest mit großer Dankbarkeit im Herzen.
Meister Lohr war sicher, dass seine kleinen fleißigen Mehlheinzel ihm geholfen hatten und  ab sofort noch mehr bestrebt, es ihnen so gemütlich wie möglich in seiner Backstube zu machen. Sie sollten doch bei ihm bleiben und sich wohl fühlen.                                       

Nun konnten die kleinen fleißigen Mehlexperten wieder in Ruhe und ohne Sorgen ihrer gewohnten und geliebten Tätigkeit nachgehen, für Mehl, Zucker, Backpulver, Hefe, Zimt, Schokoflocken und Mandelkern
zu sorgen. Hefeteig musste noch einmal mehr geknetet und gewendet werden.

Wenn ihr, liebe Leser, mal ganz früh aus den Federn kommt und in die Lohr-Backstube gehen wollt und dabei sehr sehr leise seid – könnt ihr vielleicht die kleinen fleißigen Mehlheinzel bei der Arbeit sehen ...