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Ludmilla


entnommen aus dem Märchenbuch "Wenn Du noch träumen kannst"
© Vera Maria Lafrenz
Illustration: Sonja Bartl, Wien

 

Lissabon war schon immer eine wunderschöne Stadt und viele Fremde aus aller Herren Länder besuchten diese herrliche Metropole. Wenn man dann mit der berühmten alten Straßenbahn bergauf durch das pulsierende Herzstück der Innenstadt gefahren war, wusste man, Lissabon konnte man nie mehr vergessen.

Wie jedes zweite Wochenende war wieder Flohmarkt und es herrschte turbulente lebensfrohe Jahrmarktstimmung. Gaukler zeigten ihre kleinen Kunststücke, lustige Karussells drehten sich unermüdlich im Kreis zum Vergnügen schreiender kreischender Kinder, Zuckerwatte und viele süße Leckereien lockten zum Naschen, wie auch viel Tand, große und kleine Stofftiere, billige Lederwaren, Steingut, altes Porzellan und Glas aus vergangener Zeit auf Käufer warteten.
Große und kleine Holzschaukelpferde, gebrauchte Zeitschriften und Bücher die keiner mehr lesen wollte, alte Bilder in Aquarell und Öl, beschädigte Bilderrahmen, abgeschlagene Teller und Tassen, Porzellanfiguren, Messingleuchter, trübe Spiegel, alte Schuhe und gebrauchte Kleidung, all dieser Kram und Tand wurde von den Budenbesitzern zum Kauf angeboten. Es herrschte reges Treiben und die Neugierde der Touristen und Fremden war groß.

Am Rande des Flohmarktes, etwas abseits, war der Stand von Fernando aufgebaut. Er war einst Puppenspieler mit eigenem kleinen Puppentheater gewesen und kannte noch bessere Zeiten.
Jetzt war er gezwungen, seine wunderschönen Marionetten zu verkaufen.
Das Puppentheater hatte nicht mehr genug Einnahmen gebracht. Das Publikum war weitgehend ausgeblieben und die Standortmiete wie auch die Instandhaltung von Bühne, Kulissen und Puppen hatten die geringen Ersparnisse von Fernando aufgebraucht.
So waren ihm nur noch die Marionetten geblieben, die schon einmal glanzvollere Zeiten erlebt hatten. Mit seinen geliebten Puppen hatte er nun seinen Stand bestückt, um durch ihren Verkauf wenigstens die nächsten Wochen finanziell über die Runden zu kommen.

Fernando's Herz blutete, seine besten Freunde wegzugeben nur für ein wenig Geld, um überleben zu können und Miete für die nächsten Wochen zu bezahlen. Er wollte es nicht wahrhaben, er konnte es immer noch nicht glauben.
Dementsprechend traurig und trostloser Stimmung war Fernando nun. Leise und betrübt flüsterte er vor sich hin ... "Es ist keine Fantasie und keine Romantik mehr unter den Menschen, sonst hätte ich sicherlich mein geliebtes Puppentheater behalten und weiterführen können. Warum trifft es ausgerechnet mich ? Was soll denn nun die Zukunft bringen ?"
Fernando's trauriges Selbstgespräch traf die Theaterpuppen tief ins Herz.
Unter all seinen hübschen Marionetten, die zum Verkauf angeboten wurden, war eine, die Fernando immer schon besonders geliebt hatte. Ludmilla, die Hübsche mit dem roten Kleidchen.
Ludmilla hing unter den anderen Marionetten-Kollegen traurig und trostlos herum und träumte von den wunderbaren Zeiten, als noch viele glückliche Kinder mit leuchtenden Augen ihre Darbietungen verfolgten und vergnügtes helles Kinderlachen durch die Kulissen drang.

Keine der Marionetten ließ Wehklagen hören, nur Ludmilla seufzte tief, war traurig und beklagte leise weinend ihr hartes Schicksal. „Was soll denn aus mir werden, wenn ich meinen Meister verlassen muss und nicht mehr sprechen, singen, tanzen und Kinder glücklich machen kann...“
Dicke heiße Tränen rannen über ihr hübsches Puppengesicht.
Dabei war Ludmilla vor gar nicht allzu langer Zeit eine stattliche Dame gewesen mit herrlich leuchtendem roten Spitzenkleid und schwarzer Litze an Ärmel und Saum. Ein wunderschöner einst weißer Spitzenkragen zierte ihr hübsches Kleid und eine rote Rose im langen schwarzen Haar vervollständigte ihre Schönheit. Die winzigen Füße wurden von ebenso winzigen schwarzen Lackschuhen mit Schleifen umschlossen. Sie war eine wunderschöne Erscheinung, obwohl die schlechten Tage nicht ganz spurlos an ihr vorübergegangen waren.
Fernando hatte sie auch immer mit den schönsten Aufgaben bedacht und ihr durch sein perfektes Marionettenspiel mit feinfühliger Leinenführung charmantes und liebenswertes Leben eingehaucht.

Nun hing sie traurig und leblos in der letzten Kulisse, dem Verkaufsstand und niemand interessierte sich mehr für ihren Charm und ihre Schönheit.
Ludmilla war verzweifelt, keine Aufgabe mehr zu haben, keine Freude mehr zu spenden und die Marionettenkollegen und Fernando früher oder später verlassen zu müssen, dieser Gedanke brach fast ihr kleines Puppenherz.

Der Jahrmarkt-Trubel mit all seinem lauten vergnügten Volk war an Fernando teilnahmslos vorbeigerauscht. Er hatte die allgemeine Fröhlichkeit nicht wahrgenommen. Kein Interessent oder Käufer war an seinem Stand vorbeigeschlendert und hätte sich für seine Marionetten interessiert. Für ihn war es ein trostloser Tag.

Am Spätnachmittag war Fernando´s Verzweiflung groß und seine Hoffnung am Ende, so dass er den Entschluss fasste, seine geliebten Marionetten wieder zu verpacken, den Stand zu schließen und nach Hause zu gehen. Wer sollte auch Interesse an seinen Marionetten haben, die Welt der schönen Illusionen gab es wohl nicht mehr und damit auch keinen Puppenzauber.

In diesem Augenblick kam ein netter gut gekleideter Mann in mittleren Jahren mit einem kleinen Mädchen im Rollstuhl an seinen Stand gefahren und wollte die Marionetten genauer ansehen.

Das hübsche kleine Mädchen im Rollstuhl betrachtete mit leuchtenden Augen all die farbenfrohen Puppen, die liebevoll aufgereiht an den langen Führleinen hingen und auf Käufer warteten.
Susan, so hieß die kleine Kanadierin. Sie war ganz angetan und entzückt von der Faszination, die diese Marionetten ausstrahlten und ihr Vater bemerkte, dass ihr die hübsche Puppe mit dem roten Kleid und den langen schwarzen Haaren besonders gut gefiel. „Daddy, Daddy, schau mal, das Püppchen mit dem roten Kleid, es ist so schön und reizend ...“ rief Susan ganz aufgeregt.

Fernando war wie elektrisiert, nahm Ludmilla liebevoll an sich und hauchte ihr durch geschicktes feinfühliges Leinenspiel wunderbares Leben ein. Er spielte ein kleines Theaterstückchen für Susan und Tränen standen in seinen schwarzen Augen.
Susan´s hübsches kleines Gesicht leuchtete voller Begeisterung!

Das kleine Mädchen wollte diese wunderschöne Marionette, die so charmant sprechen, so hübsch tanzen, hüpfen und laufen konnte, unbedingt für sich haben. Zärtlich drückte Susan die Puppe an sich.

Fernando trennte sich nur sehr ungern von seinem Puppenstar, aber für das kleine kranke Mädchen wollte er es tun. Nach kurzer Verkaufsverhandlung war Marionette Ludmilla in den Besitz von Susan übergegangen. Die Kleine strahlte vor Glück und hielt die Puppe Ludmilla eng umschlungen.
Susan glücklich zu sehen, dies war für Vater ein großes Geschenk. Er freute sich sehr, für sein krankes Kind ein passendes Spielzeug gefunden zu haben.

Susan, die Achtjährige, hatte vor einiger Zeit einen schweren Verkehrsunfall erlitten. Die Ärzte in Kanada wie jetzt auch in Europa wussten nach genauer Untersuchung nicht genau, ob Susan jemals wieder wird laufen können.

So war Vater sehr glücklich darüber, dass seine einzige Tochter nun eine kleine Freundin gefunden hatte, die ihr zeigte, wie schön es sein kann, tanzen, springen und laufen zu können. Vielleicht hilft diese hübsche Marionette, Susan wieder Lebensfreude und vielleicht Besserung ihres labilen Gesundheitszustandes zu geben.

Oft würde der besorgte Vater seiner Tochter die hübsche Marionette Ludmilla vorführen in all ihrer Grazie, sie zum Leben erwecken ... Fernando hatte einige Tipps gegeben.

Der Rückflug nach Toronto war gebucht. Am nächsten Morgen traten Vater und Tochter mit Ludmilla die Heimreise an.
Susan ließ Ludmilla nicht mehr aus den Augen, sie liebte diese schöne geheimnisvolle Marionette, die so schnell zum Leben erwachen konnte, so hübsch, graziös und liebreizend war!

Ludmilla war selig, sie hatte jetzt wieder eine wunderbare Aufgabe erhalten. Sie wusste nun, dass diese Aufgabe viel größer und verantwortungsvoller sein würde, als alle Rollen, die sie je spielen durfte. Das Püppchen musste versuchen, Susan wieder lebensfroh, glücklich und gesund zu machen!

Die hübsche geheimnisvolle Puppe reiste nun in das ferne Kanada, hatte ihren Lehrherrn und ihre Marionettenfreunde zwar verloren, aber eine liebenswerte Freundin gefunden, der sie jetzt Freude und Lebensmut spenden wollte.

Und nachdem die hübsche Marionette Ludmilla so fest entschlossen war zu helfen, wird es auch sicherlich gelungen sein, die kleine Patientin Susan wieder gesund zu machen!