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Pips und Paps


© Vera Maria Lafrenz

 

Der herbstliche Laub- und Mischwald strahlte herrlich in seinen leuchtenden Farben und lockte  ins Freie. Es war Oktober und  früher Nachmittag. Viele Spaziergänger nutzten das wunderschöne sonnige Herbstwetter, um noch die letzten warmen Sonnenstrahlen zu genießen. Wer weiß, wie lange Petrus noch das schöne Herbstwetter duldete ...
Abseits von den üblichen Waldwegen streiften Birte und Jacob quer durch den herbstlichen Wald um Pilze zu sammeln. Sie hatten Mutter versprochen, einen Korb voll schöner Pilze nach Hause zu bringen, um die Haushaltskasse ein wenig zu schonen. Geld für das tägliche Leben war sehr wenig vorhanden,  ein schmackhaftes Pilzgericht wäre da sicherlich eine herrliche Abwechslung im bescheidenen Speiseplan.
So streiften die Geschwister durch den Wald, suchten hier und dort, fanden vereinzelt ein paar brauchbare Pilze, aber der Korb war noch lange nicht voll.
Plötzlich ein Freudenschrei von Birte, sie hatte unter einer erwürdigen Fichte eine wunderbare Ansammlung von Steinpilzen entdeckt, die frisch, knackig und wunderbar duftend zum Pflücken lockten.
„... Mutter hat gesagt“ so Birte, „die Pilze müssen vorsichtig aus dem Waldboden gedreht und nicht geschnitten werden, nicht wahr?“ Jacob nickte zustimmend und so pflückten sie die wunderbar duftenden Steinpilze und legten sie nach und nach behutsam in ihren Korb.
„Wir haben nun genug gesammelt,“ sagte Jacob froh, „Mutter wird sich freuen, lass´ uns jetzt nach Hause gehen, bevor es dunkel wird ...“
Nur – welch´ ein verhängnisvoller Irrtum – unter den herrlich duftenden Steinpilzen hatte sich ein großer fetter Knollenblätterpilz eingenistet, der von Birte und Jacob als Steinpilz mit gepflückt und in den Korb gelegt worden war. Die Kinder hatten vor Freude über die schönen Pilze übersehen, dass ein schwer giftiges Exemplar sich unter die Steinpilze gemogelt hatte.
Große Gefahr drohte bei Zubereitung und Verzehr, wenn der giftige Pilz-Bösewicht unentdeckt blieb ...
Pips und Paps, das unscheinbare Nacktschneckenpaar, welches in der Nähe von Birte und Jacob den feuchten Waldboden nach Nahrung abgesucht hatte und gerade an den duftenden Steinpilzen naschen wollte, bemerkte den verhängnisvollen Irrtum der Kinder mit Schrecken.
Die beiden kleinen Nacktschnecken waren aufgeregt und fest entschlossen zu helfen, aber wie sollten sie dies tun? Guter Rat war nun teuer ...
Pips und Paps, die beiden waren braune schuppig glitschige Schneckentiere, welche von den anderen kleinen Waldtieren kaum beachtet wurden, somit Außenseiter waren, aber beide hatten sie ein goldenes Herz.
Birte und Jacob waren auf dem Heimweg, hatten den vollen Korb mit Pilzen aber noch einmal auf den Waldboden gestellt, weil beide einen laut klopfenden Buntspecht beobachten wollten, wie er mit Ausdauer und Können ein Loch in die Rinde eines Laubbaumes hackte. Das laute intensive Klopfen und Hämmern hatte die Kinder begeistert und mit großen ungläubigen Augen beobachteten sie das gekonnte Werken des Waldvogels.
Auf so einen guten Moment hatten Pips und Paps gewartet. So schnell und emsig sie über den Waldboden kriechen konnten, bewegten sie sich hin zu dem Korb, schlüpften leise hinein und versteckten sich tief unter all den frischen duftenden Pilzen, um nicht entdeckt zu werden.
Als Birte und Jacob mit ihrem vollen Korb nach Hause kamen, wurden sie schon von Mutter ungeduldig erwartet. Sie freute sich sehr über die herrlichen Pilze, lobte die beiden ob ihres Fleißes und versprach, morgen ein schmackhaftes Pilzgericht für die Familie zuzubereiten.
Die beiden Schneckchen hörten dies, waren höchst besorgt und duckten sich noch tiefer in den Korb und noch tiefer zwischen die Pilze, um Mutter´s wachsamen Augen zu entgehen.
Mutter stellte den vollen Korb zur Kühlung in den kleinen Schuppen, der neben dem bescheidenen kleinen Häuschen meist als Vorratskammer und zum Trocknen von Wäsche benutzt  wurde. Wo auch Katze Murli hie und da eine Maus fing und ältere Möbel und Gegenstände, die im Haus nicht mehr gebraucht wurden, herumstanden.
Die kühle Nacht brach herein, überall nächtliche Stille, nur Murli schlich um den Schuppen, war auf Mäusejagd und Pips und Paps mussten jetzt handeln, viel Zeit blieb ja nicht mehr.
Sie zwängten sich beide zwischen all den wunderbaren Steinpilzen hin zu dem Giftpilz, der richtig stolz zwischen den Speisepilzen thronte und begannen intensiv, ausdauernd und fleißig an dem Knollenblätterpilz zu nagen und zu zerren. „Aua, ihr lästiges unverschämtes Schneckenvolk, lasst mich in Ruhe, ich bin doch der Schönste hier in dieser Runde, aua, das darf doch nicht wahr sein ...“ beschwerte sich der Giftpilz lautstark und versuchte verzweifelt, die Angriffe der Schneckchen abzuwehren.
Doch Pips und Paps ließen sich nicht beirren und zerrten so lange, bis nichts mehr von dem großen schönen giftigen Pilz übrig war, nur noch harmlose Krümel und spärliche unansehnliche Pilzreste.
Die klugen Schneckchen freuten sich sehr, eine so gute Lösung gefunden zu haben, strichen sich gegenseitig zärtlich anerkennend mit ihren Fühlern über ihre Köpfchen und waren danach bestrebt, schnell wieder den sicheren Waldboden zu erreichen. Sie hatten ja jetzt ihre Pflicht getan und nichts mehr für die Familie zu befürchten.
Anerkennendes Raunen aus der Steinpilz-Versammlung begleiteten Pips und Paps nach draußen ...
Nächsten Morgen holte Mutter den Korb aus dem Schuppen und wunderte sich, welch´ eine Unordnung zwischen den Pilzen herrschte und mitten drin krümelige Pilzreste zu sehen waren. Birte und Jacob hatten doch so wunderschöne Steinpilze mitgebracht!
Das Pilzgericht war ein herrlicher Gaumenschmaus und die Familie, Mutter, Birte und Jacob schmausten, das Pilzgulasch war einfach wunderbar, schmackhaft und bekömmlich.

In den nächsten Tagen hatte Mutter die Geschwister wieder zum Pilze sammeln in den Wald geschickt. Als Pips und Paps die Kinder von weitem sahen, waren die kleinen hässlichen Schneckchen glücklich und zufrieden, denn die beiden kaum Beachteten hatten wirklich eine gute Tat vollbracht,
sie konnten stolz auf sich sein.