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Sandmännchen



Text © Vera Maria Lafrenz
Illustration © die Autorin

 

Ihr lieben Leser kennt doch alle das fleißige Sandmännchen.
Abends, wenn die Sonne untergegangen ist und Mond und Sternlein am Himmel stehen, erwarten wir alle Sandmännchens Besuch und wünschen, dass es uns beschenkt mit schönen Träumen aus seinem großen geheimnisvollen Sack mit glitzernden Himmelsternchen, feinem Himmelssand und wonnig weichen Himmelswölkchen.

Wenn wir nicht gleich einschlafen können, dann verstreut das fleißige kluge Sandmännchen seinen wunderbaren feinen Himmelssand und dieser macht früher oder später unsere Augenlider schwer, schwerer und ganz schwer. Dann gleiten wir hinüber ganz leise und sanft in die wunderbare Welt der vielen farbigen Träume.
Diese schöne Tatsache kennt ihr doch alle, oder?

Das ist die tägliche Arbeit unseres geliebten Sandmännchens. Es hat wirklich immer viel zu tun, ist sehr fleißig und oftmals müssen auch seine kleinen flinken Wolken- schäfchen und fleißigen lieblichen Englein helfen.
Aber an einem schönen frühen Abend kam es dann doch ganz anders als sonst.

Sandmännchen, ganz aufgeregt und nervös, sprang von einer kleinen Wolke auf die andere und suchte vier seiner Wolkenschäfchen. Die wolligen Ausreißer waren nicht in der Herde geblieben und in den dichten weichen großen Haufenwolken verschwunden. „Hallo, ihr kleinen wolligen Ausreißer, brauche eure Hilfe, wo seid ihr denn hingelaufen ... es ist schon spät!“

Der kleine Träumemann suchte emsig nach ihnen, denn die hellen lieblichen Abendwölkchen waren noch nicht an die richtigen Himmelsplätze geschoben worden, es herrschte Unordnung ... Eile war geboten!

Die fleißigen Engelchen schwirrten auch schon aufgeregt zwischen den dicken großen Abendwolken hin und her, befragten Mr. Mond, der selbstherrlich strahlte, geheimnisvoll funkelte und wissend in sich hinein lächelte. Auch die blinkenden Sternlein, die ihren abendlichen Platz noch nicht gefunden hatten, sich gegenseitig schubsten und fürchterlich drängten um den schönsten Platz am samtig blauen Abendhimmel, hatten die Wolkenschäfchen auch nicht gesehen.

„Lieber Mond du Milder, und auch ihr Sternlein, ihr leuchtenden, habt ihr denn die vier Ausreißer, Sandmännchen´s Wolkenschäfchen nicht irgendwo gesehen? Hinter welcher großen dicken Wolke haben sie sich denn versteckt?“ fragten die kleinen Englein aufgeregt „Sandmännchen sucht dringend nach ihnen! Wo sind sie denn nur hingelaufen? Auf der Erde sollten die Menschenkinder doch wissen, es wäre bald Schlafenszeit für die Kleinen. Unser liebes Sandmännchen wird doch von allen Erdenbürgern schon sehnsüchtig erwartet, und jetzt dies ...“
Die Engelschar war in großer Aufregung und flog höchst unruhig hin und her.

Auch das Sandmännchen hatte die kecken wolligen Ausreißer immer noch nicht gefunden. „Meine Zeit wird jetzt sehr knapp,“ seufzte der Träumebringer, „ich, der sehnsüchtig Erwartete sollte doch längst Richtung Erde unterwegs sein. Petrus hatte mir extra eine große schnelle Sternschnuppe zur Verfügung gestellt. Ich glaube, jetzt werde ich langsam sehr böse ...“
Die Englein groß und klein nickten nur stumm und zustimmend, ließen ihre hübschen Lockenköpfchen traurig hängen.

Nach fleißigem Suchen hatte ein kleines flinkes Englein die weggelaufenen Wolkenschäfchen endlich entdeckt. Sie hatten sich hinter einer besonders großen dicken grauen Gewitterwolke versteckt.
„Endlich, da seid ihr ja ihr dummen unverschämten Ausreißer,“ schimpfte der niedliche Himmelsbote und fächelte ganz aufgeregt mit seinen hübschen Engelsflügeln, „Sandmännchen wird böse sein, wenn ihr ausgerechnet zur wichtigsten Zeit des Tages Verstecken spielt und nicht an eure Arbeit denkt ... „

Aber oh Schreck, drei der wolligen Vierbeiner hatten eine kleine blutende Wunde am Beinchen und hinkten ein wenig. Wie konnte so etwas denn passieren?
„Übermut tut selten gut, dies hat Petrus euch früher schon immer gepredigt, wenn eure Galoppeinlagen Wolkenlandschaften zu sehr durcheinander wirbeln, und jetzt auch noch eure blutenden Beinchen!“
Das flinke Engelchen schüttelte ganz vorwurfsvoll seinen hübschen kleinen Lockenkopf und flog pfeilschnell zurück zu den anderen.

Die Wolkenschäfchen, sie waren – wie so oft - lustig und übermütig herumgehüpft. Spielten, sprangen und liefen um die Wette. Dabei waren drei von ihnen zu nahe an die funkelnde Mondsichelspitze herangekommen, ein wenig hängen geblieben, hatten sich verletzt und nun blutige Schrammen an den Beinchen davongetragen.

Die wertvollen himmlischen Blutstropfen waren von den Lämmerwolken schnell aufgesogen worden und der laue unruhige Abendwind blies sofort mit viel Gefühl und Ausdauer so lange in die Wolken, bis diese sich rosa bis rot am weiten Firmament verteilten und der abendliche Himmel wunderbar leuchtete.
Der Abendwind war sichtlich stolz auf seine meisterliche Arbeit und raunte geheimnisvoll „ ... seht her, welch´ schönes leuchtendes Wunder ich euch zum Abend gezaubert habe ...“
Von diesem Abend an gab es bei gutem Wetter immer ein wunderschönes leuchtendes verzaubertes Abendrot.

Ihr lieben Leser habt euch doch sicherlich schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie ein herrlich leuchtender Abendhimmel mit märchenhaftem Abendrot entsteht?
Jetzt wisst ihr es!
Und das fleißige Sandmännchen lugt sicherlich schon durchs Fenster, um euch einen schönen Traum zu bringen und seinen feinen Himmelssand zu verstreuen!
Guckt doch mal nach!