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Schlüsselblumen


© Vera Maria Lafrenz

 

In grauer Vorzeit, als es noch gute Geister, listige Zwerge und böse Zauberer gab, lebten drei überaus fleißige und gierige Grottenzwerge in einem tiefen dunklen Berge irgendwo im schönen Nirgendwo.
Ihre tägliche intensive Beschäftigung war es, das gleißende Gold aus den Steinbrocken tief im Berge zu schürfen und aufzuhäufen.
Sie werkten und schufteten den ganzen langen Tage und ergötzten sich
zwischendurch immer wieder an den vielen kleineren und größeren Goldnuggets, die sie im Laufe einer langen Zeit geschürft hatten. Nach und nach waren die leuchtend glänzenden Goldklümpchen zu einem überaus wertvollen riesigen Goldhaufen angewachsen.
Dieser gigantische Goldberg war aber immer noch nicht groß genug, so hämmerten und werkten die drei Grottenzwerge im tiefen dunklen Berge immer hektischer und intensiver nach dem goldenen Schatz, von dem sie nicht genug bekommen konnten. Die blanke unersättliche Gier stand in ihren kalten Augen, sie trauten sich gegenseitig nicht über den Weg und beobachteten jede Bewegung des anderen hinterhältig, lauernd und anhaltend.                                                                                           
Wenn die drei zu viel gearbeitet hatten, eine Pause einlegen mussten, stritten sie sich heftig und lautstark, wem denn nun wie viel von dem Golde gehören würde. Nachdem alle drei Zwerge jedoch tief im Berge lebten, wussten sie gar nicht, wofür sie den Goldschatz verwenden und zu welchen Zwecken nutzen wollten.

Wichtig für die drei gierigen Sonderlinge war nur, den magisch schimmernden Goldschatz alleine zu besitzen, das strahlende goldene Leuchten durch die Finger gleiten zu lassen und das unvergleichliche Gleißen des Goldes immer wieder zu erleben und sich daran zu ergötzen.
Die einzigen Höhlenbewohner, die von den Grottenzwergen und ihrem riesigen
unglaublichen Schatz wussten, waren die vielen großen und kleinen Fledermäuse, die in den höher gelegenen Grottennischen ihr einsames bescheidenes Dasein fristeten.
Von Zeit zu Zeit flatterten einige junge vorwitzige neugierige Fledermäuschen bis zu der magischen Stelle des Goldberges und staunten über das unglaubliche Strahlen und Leuchten.                    
Die Grottenzwerge jedoch sahen derlei Besucher gar nicht gern und verscheuchten mit Tüchern, Werkzeugen, abwehrenden Handzeichen und lautem Schimpfen die neugierigen Fledermäuse.
So fristeten Grottenzwerge und Fledermäuse ihr tristes Dasein jahraus jahrein.

Eines schönen Nachmittages im Vorfrühling wanderten fröhlich und unbeschwert ein Junge und ein Mädchen mit ihrem kleinen Hund in der Nähe des Höhleneinganges.
Ferdi war ein aufgeweckter Junge von zehn Jahren mit hellblondem Schopf, keck mit pfiffiger Stupsnase. Sonja, seine kleine Schwester, die vor kurzem sieben geworden war, ein wenig schüchtern. Dunkle Löckchen zierten ihre zarte Stirn und große dunkle Augen guckten ein bisschen fragend in die unbekannte Bergwelt.

Es war ein sonniger wunderschöner Vorfrühlingstag und Sweeny, der niedliche Zwergterrier bellte laut vor Vergnügen, lief immer wieder nach dem geworfenen Stöckchen, machte verspielte Luftsprünge und schnüffelte neugierig hinter manchem großen Stein und schnappte spielerisch nach den vereinzelten Schmetterlingen, die schon auf der Suche nach dem Frühling waren.
                                                    
Ferdi und Sonja bemerkten nichts von dem Felsenloch in ihrer Nähe und der eventuellen Gefahr. Ausgelassen und vergnügt spazierten die Kinder mit Zwergterrier Sweeny durch die herrliche Landschaft.                                       
Plötzlich nahm der kleine Hund Witterung auf, entdeckte den Höhleneingang
und schlüpfte flink und behände durch den schmalen Felsspalt in die Grotte.

Ferdi und Sonja waren entsetzt über seine Neugierde und sein plötzliches Verschwinden, riefen nach ihrem Hund und wollten ihn so schnell wie möglich wieder bei sich haben. Nichts geschah, Sweeny blieb unsichtbar, nur ein leises Bellen und Jaulen war aus der Grotte noch zu vernehmen, dann tiefe Stille.

Nach kurzer Beratung krochen die Kinder durch den Felsspalt in die Grotte
und wurden erstmal von unzähligen unruhig flatternden Fledermäusen empfangen.
Die fliegenden Grottenbewohner waren über den Besuch und die Störung durch die Kinder aufgebracht und nervös, kreisten flügelschlagend um ihre Köpfe und wollten sich aggressiv in ihrer Kleidung festkrallen.
Ein Höllengetöse ging los, Ferdi und Sonja waren in einen Hexenkessel geraten ...

Das kleine Mädchen schrie vor Entsetzen und lief, so schnell die kleinen Füße trugen, tiefer und tiefer in die Grotte hinein, stolperte über Felsvorsprünge, große Steinbrocken und seltsame Tropfsteingebilde, die sich im Laufe von vielen Jahrhunderten zu geheimnisvollen Gestalten geformt hatten und rund um Sonja wurde es immer düsterer, unheimlicher und geheimnisvoller.
Ferdi lief schnell und laut rufend seiner kleinen Schwester hinterher und konnte sie in letzter Minute, bevor sie beinahe in einen tiefen Felsspalt gefallen wäre, am Kleiderzipfel festhalten und mit großer Kraftanstrengung wieder hochziehen. 
Die Kinder waren verschreckt und ratlos, urplötzlich in eine so unübersehbare gefährliche Situation geraten zu sein, zitterten am ganzen Leibe  und Sweeny, der freche neugierige Ausreißer war immer noch nicht zu sehen, auch nicht mehr zu hören.
 Sonja, die Kleine, fing fürchterlich an zu weinen und wollte nur noch raus aus dem Grotten-Irrgarten. Sie hatte schreckliche Angst bekommen, zitterte vor Nässe und Kälte und lief wieder ein paar Schritte weg von Ferdi.

Der Junge wusste nicht, wie er sich nun verhalten sollte, war unschlüssig und ratlos, welche Entscheidung er nun treffen sollte. Sonja ins Freie zu führen oder weiter nach dem neugierigen Ausreißer Sweeny zu suchen.

Ferdi ging einige Schritte vorwärts und urplötzlich stand er – wie vom Blitz getroffen – starr mit ungläubig aufgerissenen Augen vor einem strahlenden Goldberg.  
Durch Zufall hatte der Junge den geheimnisvollen Schatz der Grottenzwerge aufgespürt und schrie voller Entzücken …“Sonja, Sonja, wir sind reich, komm´ schnell schnell hier her, hier liegt ein goldener Berg, lass uns so viel Gold einstecken wie wir tragen können, so eine Gelegenheit kommt nie wieder ...“ und fing an, seine Hosen- und Jackentaschen hektisch mit Goldnuggets zu füllen.
Sonja hörte auf zu weinen, kam gelaufen und sah voller Staunen das herrliche Strahlen! So einen leuchtenden Berg hatte die Kleine noch nie gesehen!

Das Röckchen wurde schnell zur Tragetasche umfunktioniert und beide Kinder mit großen ungläubigen Augen griffen voller Freude und Eifer in den glänzenden Goldschatz, hatten Sweeny in der Zwischenzeit ganz vergessen.

Der ungebetene Besuch und das Stehlen des angehäuften Goldes war den Grottenzwergen natürlich nicht verborgen geblieben. Sie berieten mit erhitzten Köpfen und leisen bedrohlichen Stimmen, wie sie verhindern könnten, dass ihr streng gehütetes Geheimnis und der Goldschatz unberührt blieben.

Mit großen Schaufeln und Spitzhacken bewaffnet, entschlossen sich die alten Goldschürfer auf die Kinder loszugehen und sie zum Schweigen zu bringen.
Auf keinen Fall durfte ihr großes wertvolles Geheimnis gelüftet werden.

Aufgebracht, schrecklich böse, voller Zorn und entschlossen, alles für ihr Gold zu tun, schlichen sich die Grottenzwerge in unmittelbare Nähe der Kinder und wollten eben zum aggressiven Angriff  übergehen, als Fledermäuse in großer Zahl, laut quiekend und aufgeregt flatternd heran geflogen kamen. Die geheimnisvollen Vögel der Nacht wussten genau, wie böse die gierigen drei sein konnten und wollten die kleinen Abenteurer vor ihrer Wut schützen und rechtzeitig in Sicherheit bringen.
So verkrallten sich die klugen Fledermäuse in den Haaren und der Kleidung der Kinder, flogen mit ihnen schnell und entschlossen durch die dunklen geheimnisvollen Grottengewölbe nach oben, schlüpften flugs durch den Felsspalt ins Freie und trugen Ferdi und Sonja hoch in die Lüfte, der anbrechenden kühlen Dämmerung entgegen.
Die kleinen Abenteurer waren so sehr erschrocken, dass sie gar nicht wussten, wie ihnen so plötzlich geschah. Vor lauter Verwirrung und Aufregung ließen sie all die herrlich leuchtenden Goldnuggets fallen und waren froh und dankbar, der großen Gefahr entkommen zu sein, als sie wieder festen Boden unter ihren müden Füßchen spürten.
Die zornigen Grottenzwerge blieben wütend, verwundert und böse zurück.

All die verloren gegangenen Goldklümpchen vor dem Felseneingang wurden bedauerlicherweise nicht wieder gefunden. Auf wundersame Weise aber blühten an dieser Stelle seit dem ereignisreichen Tage schöne und leuchtend goldgelbe Schlüsselblumen in reicher Zahl.

Bergwanderer und Spaziergänger freuten sich über den herrlichen Anblick der goldgelben Blumen und wunderten sich ein wenig, wieso ausgerechnet an dieser Stelle so viele Schlüsselblumen blühten.
Ihr lieben Leser wisst ja nun, warum dies so war, aber sicherlich fragt ihr jetzt nach Sweeny, dem neugierigen frechen Ausreißer!

Als sich die Kinder von dem unglaublichen Abenteuer ein wenig erholt hatten, zu sich kamen, fingen sie an zu frösteln und schlotterten an allen Gliedern.
Der frühe Abend war noch sehr frisch, leise säuselte der kühle Wind und die letzten Sonnenstrahlen schmolzen dahin.
Beide wollten nur noch auf dem schnellsten Wege nach Hause, aber ohne Sweeny war dies ja undenkbar.
Ferdi und Sonja waren traurig, dicke Tränen kullerten über ihre blassen Wangen, als sie Hand in Hand langsam ohne ihren kleinen Hund losstapfen wollten.
Plötzlich und ganz unerwartet waren bekannte Töne ganz in ihrer Nähe zu vernehmen. Es bellte, jaulte und quiekte, konnte dies vielleicht Sweeny sein?

In großen Sprüngen, voller Wiedersehensfreude kam der freche Vierbeiner auf die Kinder zugelaufen und alle drei konnten ihre Freude kaum fassen, dass sie sich doch noch wieder gefunden hatten.
Sweeny, der kluge neugierige Ausreißer konnte sich aufgrund seiner guten Schnüffelnase – beschwerlich zwar – aber aus eigener Kraft aus der gefährlichen Grotte befreien.

Der kleine Hund war über und über mit Staub bedeckt, hatte nasse Flecken in seinem kurzen braunen Fell und seine Pfötchen waren voller Matsch, der freche kleine Vierbeiner sah schrecklich schmutzig und schmierig aus.

Ferdi versuchte, nachdem sich die drei überaus freudig begrüßt hatten, Sweeny erstmal von Staub und Matsch ein wenig zu befreien und schabte mit Grasbüschel kräftig auf dem kleinen Kerl herum.
Plötzlich leuchtete etwas Goldenes am Halsband des kleinen Hundes. Sweeny hatte ein Goldnugget aus der Grotte mitgenommen, es hatte sich in seinem Halsband verhakt, die Freude darüber war unglaublich groß.

So hatten Ferdi und Sonja den Beweis für ihre ausführliche, gefährliche und fast unglaubliche Geschichte, die sie ihren erschrockenen Eltern wortreich und temperamentvoll zu Gehör brachten.

Später, als sich die Kinder beruhigt hatten, wurde der Verkaufserlös aus dem Goldklümpchen auf ein Jugend-Sparbuch einbezahlt.  Sweeny – der freche Vierbeiner - wurde von der Familie sehr verwöhnt und noch mehr geliebt als vorher. Er hatte seiner Familie Glück gebracht ...
Und wie ging es eigentlich mit den bösen Grottenzwergen weiter?

Trotz aller Bemühungen, Geheimhaltung, Gier und Bösartigkeit war es den drei gierigen Sonderlingen nicht gelungen, ihr Geheimnis um den Goldschatz weiterhin zu wahren.
Ausgerechnet ein kleiner Hund hatte den Beweis erbracht, dass da ein wertvoller Goldschatz in der Grotte zu finden war. Sicherlich ist dieser Goldberg  früher oder später von Menschenhand weggeschafft worden.
Von den finsteren bösartigen Grottenzwergen hat man nie wieder was gesehen oder gehört.

Die goldenen Schlüsselblumen aber blühen an dieser geheimnisvollen Stelle sicherlich auch heute noch genauso schön wie eh und je!