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Zwei Worte


entnommen aus dem Märchenbuch "Wenn Du noch träumen kannst"
© Vera Maria Lafrenz
Illustration: Sonja Bartl, Wien

 

Es waren einmal zwei liebe kleine Worte, die sehr lange schon eng befreundet waren und immer Hand in Hand durchs Leben gingen. Die Beiden waren klein und bescheiden, unauffällig, liebenswürdig und immer gegenwärtig. Sie fühlten sich wohl auf der Erde bei den Menschen und hatten auch nicht die Absicht, an ihrer immer währenden Gegenwart etwas zu ändern.

Aber in letzter Zeit war es ihnen nicht mehr wohl zumute und sehr unbehaglich in ihrem Worte-Mäntelchen, denn die Beiden wurden missachtet, nicht mehr gebraucht, ins Abseits gestellt und vergessen.
Diese Tatsache stürzte die beiden kleinen Worte in tiefe Traurigkeit und sie waren ratlos und niedergeschlagen, denn mit ihrer Gegenwart und ihrem alltäglichen Gebrauch waren Zufriedenheit, ein wenig Dankbarkeit und Höflichkeit verbunden.
Die hektischen Menschenkinder aber hatten jetzt anderes im Sinn, waren unhöflich, selbstherrlich und undankbar, so dass die beiden kleinen Worte nach langem Zaudern schweren Herzens den Entschluss fassten, die Nähe der Menschen künftig zu meiden.

Eines schönen Tages nahmen sich die beiden kleinen Freunde entschlossen aber traurig an den Händen, breiteten ihre bescheidenen Flügelchen aus und flogen weit weit weg, hoch und höher in das unendlich weite Firmament und setzten sich, dann müde geworden, auf eine große graue Wolke, die ihnen einladend und für ihre Rast geeignet erschien.
"Was macht ihr Beiden denn bei mir hier oben ...", fragte die große graue Wolke neugierig. "Euch habe ich noch nie hier gesehen", und drückte vor Neugier und Wissbegierde so sehr auf die Regentropfen, die dicht gedrängt und unruhig in ihr saßen, dass etliche dicke Tropfen vor Schreck ungewollt die Reise auf die weit unten liegende Erde antraten, es regnete urplötzlich ausgiebig!

„Liebe große Wolke, schenke uns bitte ein wenig Gastfreundschaft“, bettelte das eine kleine Wort, “wir wissen nicht, wo wir bleiben sollen. Die vielen selbstherrlichen Erdenbewohner wollen nichts mehr von uns wissen und vermissen uns auch nicht mehr!“
Das andere kleine Wörtchen nickte stumm betrübt und entschlossen fassten sich die beiden kleinen Freunde noch fester an den Händen.

Auf der Erde waren die Menschenkinder mit ihren alltäglichen Sorgen und Gegebenheiten intensiv beschäftigt und so bemerkten sie auch nicht, wie sie sich erschreckend verändert hatten und ohne die beiden lieben kleinen Worte unhöflich, gedankenlos, herzlos und selbstsüchtig geworden waren.
Das alltägliche Leben war nicht mehr schön und unerfreulich geworden.

Die engen Freunde der beiden kleinen lieben Worte, Dankbarkeit und Zufriedenheit bemerkten dies mit Schrecken, waren entsetzt, tieftraurig und es wurde ihnen urplötzlich bewusst, dass diese bedauernswerte Situation so nicht bleiben konnte.
So fassten Dankbarkeit und Zufriedenheit eines Tages den festen Vorsatz, die beiden kleinen lieben Worte, ihre nächsten Freunde, so lange zu suchen, bis sie die Beiden gefunden, auf die Erde zurückgebracht und in den höflichen Sprachalltag wieder eingegliedert hätten. Sie vermissten ihre besten Freunde sehr und wollten nicht länger ohne sie sein.

Dankbarkeit und Zufriedenheit ergriff eine schwebende, unerklärbare, sehnsüchtige Leichtigkeit und so flogen die Beiden in die unendliche Weite, suchten überall und nirgends, tief unten und hoch oben, nah und fern, so lange, bis sie die beiden lieben kleinen Worte auf der dicken grauen Wolke wieder gefunden hatten.
Die Freude des Wiedersehens war sehr groß und Dankbarkeit und Zufriedenheit erzählten von den unerfreulichen Zuständen, welche nun auf dem Erdenrund herrschten, wenn die beiden kleinen lieben Worte nicht wieder zurückkommen und ihren wohlverdienten Platz einnehmen würden.

Alle Freunde, die Wolke, die Regentropfen, der vorbeisausende Wind wie auch Dankbarkeit und Zufriedenheit riefen aufgeregt durcheinander und dann wie im Chor „ Ihr Beiden müsst unbedingt zurückkommen, sonst ist das Alltagsleben nicht mehr schön und lebenswert, wir vermissen euch so sehr!“

Die kleinen Ausreißer sahen sich tief und ausdauernd in ihre traurigen Äuglein, dachten lange und intensiv über ihre Bestimmung nach und kurz darauf nickten sie sich leise und wissend zu.
„Ja, wir kommen zurück, werden doch von vielen lieben Menschen gebraucht und wollen es mit den Erdenbürgern noch einmal versuchen ...“, flüsterten die Beiden leise und viel versprechend…., “und vielleicht haben die Menschenkinder in der Zwischenzeit aus ihren Fehlern gelernt“, bemerkten die beiden kleinen lieben Worte nachdenklich wie aus einem Munde.

So kam es, dass vier wichtige, zwar kleine aber unverzichtbare Persönlichkeiten des Alltags, Dankbarkeit und Zufriedenheit, wie auch ihre lieben kleinen Freunde, Bitte und Danke, auf die Erde zurückkehrten und voller Freude feststellen konnten, dass sie schon allesamt sehr vermisst worden waren.

Angesichts dieser Tatsache gaben sich die vier guten Freunde das tiefe Versprechen, für immer bei den Menschenkindern auf der Erde zu bleiben, und diese Zusage hat Gültigkeit bis zum heutigen Tage.

Deshalb liebe Leser, darf ich Ihnen mitteilen
Bitte, bleiben Sie Märchenfans und
Danke, dass Sie mir Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben.